Sicherheits- und Gesundheitsförderung


Die wichtigsten Ergebnisse aus den NRW-Studien 1998/99 und 2008/09 im Überblick

Nach einer Vielzahl regional begrenzter Vorarbeiten wurde vor über zehn Jahren ein Projekt auf den Weg gebracht, mit dem erstmalig für Nordrhein-Westfalen zuverlässige und aktuelle Erkenntnisse über die personalen, materiell-organisatorischen und situativen Unfallfaktoren gewonnen werden sollten. Die im Jahr 1998 vereinbarte Kooperation der Gemeindeunfallversicherungsverbände in NRW mit der Forschungsstelle „Mehr Sicherheit im Schulsport“ der Bergischen Universität Wuppertal setze sich die Ziele

  • eine repräsentative Bestandsaufnahme zum schulsportlichen Unfallgeschehen an den Allgemeinbildenden Schulen im größten Bundesland zu erstellen und
  • die Voraussetzungen für eine kontinuierliche zukünftige Berichterstattung zu schaffen.

Damals wurden im Verlauf des Schuljahres 1998/99 zu verschiedenen Zeitpunkten 1.610 Schulsportunfälle in Form einer Befragung der Unfallschüler und der unterrichtenden Lehrkräfte nachuntersucht. Auf der Basis eines knapp 90%-igen Rücklaufs konnten jeweils über 1.400 Unfallanzeigen sowie Lehrer- und Schülerfragebogen ausgewertet und die vielfältigen neuen Erkenntnisse breit publiziert und in der Lehrerfortbildung eingesetzt werden. 

Im folgenden Beitrag werden die Ergebnisse der zehn Jahre später durchgeführten, zweiten landesweiten und schuljahresübergreifenden Untersuchung zum schulsportlichen Unfallgeschehen des Schuljahres 2008/09 in ihren wesentlichen Aspekten in komprimierter Form dargestellt und mit den entsprechende Befunden aus dem Schuljahr 1998/99 verglichen. Die Eindrücke und Sichtweisen der Unfallschüler und ihrer zum Zeitpunkt des Unfalls unterrichtenden Sportlehrkräfte wurden auch diesmal mit einem Fragebogen erhoben. Da die Kernfragen der ersten Landesstudie ohne Änderungen für die zweite NRW-Studie übernommen wurden, ist ein Vergleich der Ergebnisse und das Erkennen von Trends problemlos möglich. Diesmal wurden schuljahresübergreifend zu vier Messzeitpunkten insgesamt rund 2.400 Unfälle aus der Datenbank der Unfallkasse NRW in einer Zufallsauswahl gezogen. Nachdem sich im Rücklauf fast 200 Unfälle nicht als Sportunfälle, sondern überwiegend als Pausenunfälle erwiesen und von dieser Untersuchung ausgeschlossen wurden, liegen für die Datenauswertung nun 1.578 Schülerfragebogen und 1.656 Lehrerfragebögen sowie grundlegende Daten aus der Datenbank der Unfallkasse NRW zu allen im Datensatz vorhandenen Schulsportunfällen (1.813) vor. Der diesmal bei fast 82% liegende Gesamtrücklauf zeigt, dass auch die zweite landesweite Untersuchung zum schulsportlichen Unfallgeschehen an den Allgemeinbildenden Schulen in NRW bei den beteiligten Lehrern und Schüler eine hohe Akzeptanz gefunden hat.

Der nachfolgende Vergleich der aktuellen Ergebnisse mit den Befunden aus der Untersuchung vor zehn Jahren basiert in beiden Studien auf einer sehr umfangreichen und repräsentativen Stichprobe. An vielen Stellen zeigen sich starke Übereinstimmungen und die Bestätigung des bisherigen Kenntnisstandes. Darüber hinaus finden sich aber auch Veränderungen und Verschiebungen. 

Da in den vorherigen Kapiteln schon an vielen einzelnen Stellen ein Ergebnisvergleich vorgenommen wurde, stehen im Folgenden die wesentlichen Befunde im Vordergrund der Betrachtung.

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Das Unfallrisiko an den verschiedenen Schulformen

Ein Vergleich der beiden Untersuchungen zeigt, dass – bei einer Betrachtung der Unfallan­teile, der Schülerzahlen und der erteilten Sportwochenstunden – das Risiko, an einer Haupt­schule einen Sportunfall zu erleiden, weiterhin am höchsten ist. Es folgen zu beiden Unter­suchungszeitpunkten die Gesamtschulen vor den Realschulen und mit deutlichem Abstand die Gymnasien. An den Grundschulen ist das Unfallrisiko dagegen weiterhin vergleichsweise gering.

An den Grundschulen und den Gymnasien hat sich das Risiko, einen Sportunfall zu erleiden, zwar leicht erhöht, doch besitzen diese Schulformen weiterhin die niedrigsten Risikofaktoren. An den Real-und den Gesamtschulen hat sich der expositionszeitbezogene Risikofaktor nach zehn Jahren ein wenig, an den Hauptschulen deutlich verringert. Ein möglicher Grund für die Veränderung der Risikofaktoren könnte darin liegen, dass sich die Unterrichtsinhalte bzw. das Risiko einzelner Sportarten in diesen Schulformen verändert haben. 

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Das schulsportliche Unfallrisiko in den Jahrgangsstufen

In Bezug auf das Alter der Unfallschüler bestätigen sich die Ergebnisse der landesweiten Un­tersuchung von vor zehn Jahren erneut. So liegt das Unfallrisiko in der Sekundarstufe I, ins­besondere in den Jahrgangsstufen 7 bis 9, am höchsten. Obwohl diese drei Jahrgänge ins­gesamt lediglich 27,7% der Schüler umfassen, entfällt auf sie ein Unfallanteil von 39,7%. Für die Grundschulen ist in der aktuellen Untersuchung ein deutlich stärkerer Anstieg des Risiko­faktors von der dritten in die vierten Klasse erkennbar als noch vor zehn Jahren. Durch eine verbesserte Stichprobenqualität in der aktuellen Studie lässt sich für die Oberstufe ein lang­sam und stetig sinkender Risikofaktor feststellen (vgl. Abbildung 123). 

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Geschlechtsspezifische Aspekte des schulsportlichen Unfallgeschehens

Die Unfallanteile von Jungen und Mädchen sind wie vor zehn Jahren nahezu gleich. Da sich auch die Schülerzahlen nur geringfügig verändert haben, liegt der Risikofaktor von Jungen und Mädchen mit nur geringfügigen Abweichungen jeweils um den Wert eins.

Bei einem Vergleich des expositionszeitbezogenen Risikofaktors nach Geschlecht und Schulform der Unfallschüler ist nur in der Hauptschule einen Unterschied erkennbar. Lag der Risikofaktor der männlichen Hauptschüler im Schuljahr 1998/99 noch etwas über dem der Schülerinnen, so hat sich im Schuljahr 2008/09 eine Änderung ergeben. Nun ist der expositi­onszeitbezogene Risikofaktor für Mädchen an der Hauptschule und damit ihr Risiko, einen Sportunfall zu erleiden, deutlich höher als dies bei den Jungen der Fall ist.

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Räumliche und zeitliche Aspekte des Unfallgeschehens im Schulsport

Ein Vergleich der räumlichen und zeitlichen Rahmenbedingungen lässt die Vermutung zu, dass noch mehr Unterricht als vor zehn Jahren in der Sporthalle stattfindet. So zeigt sich, dass die Unfallanteile in der Sporthalle von 88,6% im Schuljahr 1998/99 auf 90,6% weiter angestiegen sind (vgl. Abbildung 125). Dagegen haben sich die Unfälle auf dem Sportplatz um etwa 2%-Punkte verringert. Im Schwimmbad ereignen sich zu beiden Stichprobenzeit­punkten etwa gleich viele Unfälle (1998/99: 3,0%; 2008/09: 2,1%).
In Bezug auf den Zeitumfang der Sportstunde haben sich die Unfallanteile einer Doppelstun­de von 69,4% auf 65,7% und der Anteil der Einzelstunden von 27,8% auf 26,8% leicht ver­ringert, dagegen sind die Anteile der 60-Minuten-Stunden von 2,8% auf 4,5% angestiegen.
Der Anteil des Unfallgeschehens am Vormittag (1. bis 6. Stunde) hat sich von 90,0% im Schuljahr 1998/99 auf 83,8% im Schuljahr 2008/09 deutlich verringert. Daraus ergibt sich für den Nachmittagsbereich (ab der 7. Stunde) eine Zunahme um 6,2%-Punkte für das Schul­jahr 2008/09. Dieses Ergebnis legt die Vermutung nahe, dass heute mehr Sportunterricht am Nachmittag stattfindet als noch vor zehn Jahren. Dies könnte möglicherweise im Zusam­menhang damit stehen, dass mehr Schulen im (offenen) Ganztagsbetrieb arbeiten und zu­sätzlich mehr Schüler die Oberstufe besuchen, deren Sportunterricht fast immer am Nach­mittag stattfindet. 

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Das Risiko der verschiedenen Sportarten

Die zehn häufigsten Unfallsportarten sind, mit Ausnahme der Reihenfolge, in beiden Unter­suchungen identisch. Ohne die nicht näher bestimmbare Sammelkategorie „Ballspiele“ zu berücksichtigen, sind bei einer expositionszeitbezogenen Berechnung auch im Schuljahr 2008/09 erneut Fußball und Basketball die riskantesten Schulsportarten. In den Sportarten Handball, Hockey, Volleyball und Turnen hat sich der Risikofaktor z. T. stark vergrößert (vgl. Abbildung 126).
Ein Blick auf die Gruppe der vier Großen Sportspiele zeigt, dass ihr Anteil am gesamten schulsportlichen Unfallgeschehen von 52,3% auf 44,4% zurückgegangen ist. Die drei Gro­ßen Spiele (Fußball, Basketball, Volleyball) reduzierten ihren Unfallanteil sogar um 9,9%­Punkte, während dieser beim Handballspiel um 2%-Punkte zugenommen hat.
Drei von fünf Schulsportunfälle (60,9%) entfallen heute auf die Gesamtgruppe der Spiele (einschließlich Badminton und Hockey sowie der Sammelkategorie „Ballspiele“ und sonstige Ballspiele); vor zehn Jahren lag der Anteil noch 3,5%-Punkte höher.
In der Leichtathletik hat sich der Risikofaktor verringert, da sowohl der Unterrichtsanteil (um -1,9%-Punkte) als auch (noch stärker) der Unfallanteil (-3,2%-Punkte) abgenommen haben. Anders ist es beim Turnen und Volleyball, hier haben sich die Risikofaktoren jeweils um 0,2%-Punkte erhöht, da sich vor allem die Unterrichtsanteile stärker verringert haben.

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Fitness und Sportnote der Unfallschüler

Die Einschätzung der Lehrer zum Konstitutionstyp der Unfallschüler zeigt bei einem Ver­gleich der Untersuchungen zum schulsportlichen Unfallgeschehen in Nordrhein-Westfalen in den Schuljahren 1998/99 und 2008/09 keine nennenswerten Unterschiede.
Die „Fitness“ der verunfallten Schüler schätzen sowohl die Unfallschüler selbst als auch ihre  sportunterrichtenden Lehrkräfte in der aktuellen Untersuchung besser ein als noch vor zehn Jahren. So beurteilen rund 25% der Unfallschüler im Schuljahr 2008/09 ihre Fitness als „sehr gut“, zehn Jahre früher gaben dies nur etwa 15% an. In beiden Untersuchungen liegt der An­teil der Lehrer, die diesen hervorragenden Fitnesszustand den Unfallschülern zuordnen, deutlich niedriger (1998/99: 13,2%; 2008/09 16,6%). Durch die verbesserten Werte in der  Kategorie „sehr gute Fitness“ (und „gute Fitness“: 1998/99: 33,2%; 2008/09: 33,8%) ergibt sich, dass die Anteile der „mittleren“ Einschätzung des Fitnesszustandes gesunken sind. Die Anteile der übrigen Einstufungen („schlechte“ oder „sehr schlechte“ Fitness) haben sich so­wohl in der Selbsteinschätzung der Schüler als auch in der Beurteilung der Lehrer im Ver­gleich der Untersuchungen kaum verändert.
Die Ergebnisse zum Fitnesszustand der Unfallschüler spiegeln sich auch in der Sportnote des Unfallschülers wider. Im Vergleich der Studien zeigt sich für das Schuljahr 2008/09, dass sich die Anteile der Sportnoten „sehr gut“ und „gut“ insgesamt um mehr als 10%-Punkte ver­größert haben. Der Umstand, dass nahezu ¾ der Unfallschüler (73,3%) als letzte Sportnote ein „sehr gut“ oder „gut“ im Zeugnis hatten, belegt erneut, dass pauschale Erklärungsansät­ze, die den sportschwachen Schülern ein besonderes Unfallrisiko zusprechen, nicht haltbar sind. Ob tatsächlich die sportliche Leistungsfähigkeiten der Unfallschüler oder nur die Beur­teilung von Seiten der Sportlehrkräfte zu einer Verbesserung der Sportnoten geführt haben, bleibt offen (vgl. Abbildung 127).
Wird die Sportnote in Bezug zum Geschlecht der Unfallschüler gesetzt, so wird deutlich, dass in beiden Untersuchungen die Jungen häufiger die Note „sehr gut“ oder „gut“ erhalten als die Mädchen. Auffällig ist jedoch, dass die Differenz zwischen Unfallschülerinnen und Un­fallschülern, die als Note ein „sehr gut“ erhielten, im Schuljahr 1998/99 bei 4,1%-Punkte lag und im Schuljahr 2008/09 bei 12,6%-Punkten. Die Note „gut“ haben Jungen und Mädchen in der aktuellen Untersuchung annähernd zu gleichen Anteilen erhalten, vor zehn Jahren erhiel­ten die Jungen fast 9%-Punkte häufiger diese Note.

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Vertrautheit und Schwierigkeitsgrad der im Unfallzeitpunkt ausgeübten Bewegung

Eine differenzierte Betrachtung der Unfallsituation zeigt hinsichtlich der zum Unfallzeitpunkt ausgeübten Bewegung leichte Unterschiede in beiden Untersuchungen. War diese Bewe­gung vor zehn Jahren noch für 9% der Schüler „neu“, so liegt der Anteil in der aktuellen Un­tersuchung bei 13%. Die häufigste Antwort der Unfallschüler war in beiden Untersuchungen, dass sie die zum Unfallzeitpunkt ausgeübte Bewegung „schon oft“ gemacht haben (1998/99: 67,1%; 2008/09: 61,5%). Im Schuljahr 2008/09 empfanden etwas mehr Schüler (8,1%) als im Schuljahr 1998/99 (6,8%) die zum Unfall führende Bewegung als „schwierig“ oder „sehr schwierig“, dagegen 63,7% (2008/09) bzw. 64,2% (1998/99) als „leicht“ oder „sehr leicht“. Dieses Ergebnis bestärkt nachhaltig frühere Befunde, in denen festgestellt wurde, dass nicht die spektakulären und schwierigen Bewegungsaufgaben riskant sind, sondern „gefährlich das vermeintlich Leichte“ ist.

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Unfallgegenstand

Eine Betrachtung des Unfallgegenstands zeigt, dass der „Ball“ weiterhin der häufigste Ge­genstand ist, der die Verletzung bewirkte. So ist der Ball immer noch bei knapp jedem dritten Unfall beteiligt. Allerdings hat sich der Anteil im Vergleich zu den Ergebnissen vor zehn Jah­ren deutlich um 6,2%-Punkte verringert. Auffällig ist ebenfalls, dass der „Körper Mitschüler“ in der aktuellen Untersuchung bei etwa jedem fünften Unfall die Verletzung verursacht hat. Hier ist eine Zunahme um mehr als 5%-Punkte erkennbar (vgl. Abbildung 129).
Eine sportartspezifische Betrachtung des Unfallgegenstands zeigt, dass in beiden NRW-Studien der „Ball“ in den Sportspielen Volleyball, Basketball und Handball mit Anteilen über 60% der häufigste Unfallgegenstand ist. Auffällig ist jedoch beim Volleyball, dass sich die An­teile des „Balls“ von 63,6% auf 80,0% deutlich erhöht haben. In den Sportarten Handball und Basketball liegen die Differenzen um 3%-Punkte. Beim Fußballspiel ist der Anteil der Verlet­zungen, die durch einen „Ball“ verursacht wurden mit 37,0% (2008/09) zwar im Vergleich zu den Ergebnissen vor zehn Jahren (31,7%) leicht erhöht, im Vergleich zu den übrigen Sport-spielen jedoch deutlich niedriger. Eine eindeutige Veränderung zeigt sich beim Fußball je­doch im Unfallgegenstand „Körper Mitschüler“. Hier hat sich der Anteil von 26,8% auf 40,9% im Schuljahr 2008/09 stark erhöht.
Beim Turnen sind sowohl vor zehn Jahren als auch jetzt die „Matte“ und der „Boden“ die häufigsten Unfallgegenstände. Allerdings haben sich die Anteile jeweils um etwa 9%-Punkte auf 36,8% (Matte) bzw. 13,8% (Boden) reduziert. Der Unfallgegenstand „Kasten“ bzw. „Bock“ wurde zu beiden Zeitpunkten etwa gleichhäufig genannt (1998/99: 14,8%; 2008/09: 13,8%). In der aktuellen Untersuchung ist auch der Anteil des verletzungsbewirkenden Gegenstan­des „Reck/Barren“ mit einem Anteil von 12,6% häufig vertreten.

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Verletzungsmechanismus

Ein Vergleich des Verletzungsmechanismus zeigt viele Übereinstimmungen. Wie auch schon vor zehn Jahren festgestellt wurde, verunfallen rund 30% der Schüler infolge eines „Umkni­ckens“. Auch die Anteile in den Kategorien „Getroffen werden“ sind nahezu identisch. Auffäl­lig ist jedoch, dass sich der Anteil der Unfälle, die durch einen „Aufprall“ verursacht wurden, um 8,4%-Punkte vergrößert hat (vgl. Abbildung 130).
Eine geschlechtsspezifische Betrachtung zeigt, dass sich in beiden Untersuchungen Jungen häufiger durch einen Aufprall verletzen als die Mädchen. Dagegen rückt ebenfalls zu beiden Untersuchungszeitpunkten bei Mädchen der Verletzungsmechanismus „Getroffen werden“ durch einen „Ball“ oder „beim Ballfangen“ in den Vordergrund. Auffällig ist jedoch, dass sich in der aktuellen Befragung fast gleich viele Jungen und Mädchen durch einen „Zusammen­prall mit einem Mitschüler“ verletzen. Vor zehn Jahren war der Anteil der Jungen dagegen etwa doppelt so groß, wie der der Mädchen.
Schulformspezifisch zeigt sich weiterhin, dass der „Zusammenprall Mitschüler“ in beiden Studien am häufigsten in der Grundschule (1998/99: 15,5%; 2008/09: 9,5%) als Verlet­zungsmechanismus genannt wird. Weiterhin zeigt sich für beide Stichprobenzeitpunkte, dass der Verletzungsmechanismus „Umknicken“ am Gymnasium eine hohe Bedeutung hat. Im Schuljahr 1998/99 verletzten sich dadurch 36,5% der Gymnasiasten, zehn Jahre später wa­ren es nur noch 26,5%. Auffällig ist allerdings in allen Schulformen (außer der Gesamtschu­le), dass sich die Anteile in dieser Kategorie deutlich verringert haben.

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Lernphase zum Unfallzeitpunkt

Bei der Auswertung der Frage nach der Lernphase, in der sich der Unfallschüler zum Zeitpunkt des Unfalls befand, werden die älteren Ergebnisse durch die aktuellen in vollem Maße bestätigt. So liegen die Differenzen gerade einmal zwischen 1%- und 2%-Punkten. Bei der „Anwendung einer Fertigkeit unter variablen Bedingungen“ verletzen sich knapp 60% der Unfallschüler. Bei weniger als 20% der Unfälle wiederholt der Unfallschüler eine „alte Fertigkeit“ und nur in etwa 5% der Unfälle wird eine Bewegung in der „Grobform erlernt“.

Sozialform

Bezüglich der Sozialform zum Unfallzeitpunkt haben sich leichte Unterschiede ergeben. Im Schuljahr 1998/99 war die häufigste Angabe der Schüler (38,9%), dass sie die Bewegung in einer „Mannschaft“ durchführten, zehn Jahre später liegt der Anteil dieser Kategorie mit 31,5% nur noch an zweiter Stelle. In der aktuellen Untersuchung ereigneten sich nach Anga­be der Unfallschüler die meisten Unfälle während einer Einzelaktion (37,9%), im Schuljahr 1998/99 lag der Anteil 2%-Punkte niedriger. Ein Unfall in einer „Gruppe“ gaben die Schüler zu knapp 5%-Punkten häufiger im Schuljahr 2008/09 an. Mit einem „Partner“ arbeiteten zu beiden Untersuchungszeitpunkten etwa 10% der Unfallschüler (vgl. Abbildung 131).
Eine nach Sportarten differenzierte Betrachtung zeigt im Vergleich, dass sich im Fußball und Handball kaum Veränderungen bezüglich der Sozialform ergeben haben. So ist in diesen zwei Sportarten weiterhin der Anteil der Unfälle, die sich in einer „Mannschaft“ ereigneten am höchsten, gefolgt von Unfällen in einer „Einzelaktion“. Auch im Basketball ist der Anteil der Nennungen, der auf die Sozialform „Mannschaft“ entfällt, weiterhin am größten. Allerdings hat sich der Anteil um mehr als 10%-Punkte auf 48,3% verringert. Dagegen haben sich die Anteile der Angabe „Einzelaktion“ um fast 5%-Punkte auf 24,4% erhöht. Auch beim Volley­ballspiel zeigt sich ein ähnlicher Verlauf: Hier haben sich über 16%-Punkte weniger Unfälle in einer „Mannschaft“ ereignet, wohingegen sich der Anteil während einer „Einzelaktion“ ent­sprechend erhöht hat. 

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Ballspielunfall

In der Befragung wurden diejenigen Schüler, die einen Ballspielunfall erlitten, darum gebe­ten, einzuschätzen, ob sie im Moment des Unfalls a) „bewusst“ in das Spiel eingegriffen ha­ben, b) „abgelenkt“ wurden oder c) alles viel „zu schnell“ ging. Die nahezu identischen Er­gebnisse zu beiden Untersuchungszeitpunkten bestätigen, dass mehr als die Hälfte der Un­fallschüler „bewusst“ in das laufende Spiel eingreifen wollte. Mit rund 40% ist der Anteil der Schüler, für die in der Unfallsituation „alles zu schnell“ ging, zu beiden Untersuchungszeit­punkten ebenfalls recht hoch. Nur bei den wenigsten Schülern (knapp 6%) kam es zu einem Unfall, weil sie „abgelenkt“ wurden (vgl. Abbildung 132). 

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Unfallursachen aus Lehrersicht

Die Lehrer bezeichnen in beiden Untersuchungen eine (Fehl-)Handlung des Unfallschülers als häufigste Unfallursache. Jedoch ist der Anteil dieser Angabe von 68,6% im Schuljahr 1998/99 um etwa 10%-Punkte gesunken. Die (Fehl-)Handlung eines Mitschülers wird an zweiter Stelle mit 16,5% (1998/99) bzw. 18,1% (2008/09) genannt. Sowohl aktuell als auch vor zehn Jahren sehen die Lehrer  den Grund für den Unfall kaum im eigenen Verhalten. As­pekte der Unterrichtsorganisation und des methodischen Vorgehens werden als Unfallfakto­ren nur sehr selten genannt (vgl. Abbildung 133).

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Unfallfolgen

Aufgrund einer unterschiedlichen Systematik bei der Erfassung der Verletzung (Kategorisie­rung in der Datenbank der Unfallkasse NRW) wird kein Vergleich der Ergebnisse aus beiden Studien vorgenommen.
In Bezug auf die verletzten Körperteile zeigen sich Übereinstimmungen. So sind die Finger in beiden Untersuchungen mit über 30% die am häufigsten verletzten Körperteile. Es folgt der Fuß (1998/99: 14,7%; 2008/09: 17,9%), die Verletzungen am Hals oder Kopf (1998/99: 12,2%; 2008/09: 12,5%) und am Fußgelenk mit 11,5% (1998/99) bzw. 9,4% (2008/09).
Bezüglich der am häufigsten verletzten Körperteile in verschiedenen Sportarten zeigen sich keine wesentlichen Veränderungen in den beiden Studien. Unterschiede zeigen sich lediglich in den Anteilen. So hat sich beispielsweise in der Leichtathletik der Anteil der Verletzungen an den „oberen Extremitäten“ um mehr als 10%-Punkte auf 29,1% verringert, wodurch sich die Verletzungen am „Hals/Kopf“ und am „Rumpf“ erhöht haben. Beim Turnen ist eine deutli­che Zunahme der Verletzungen am „Rumpf“ von 11,5% (1998/99) auf 27,4% (2008/09) und eine Reduzierung der Verletzungen an oberen und unteren Extremitäten erkennbar. In der Sportart Basketball zeigen sich dagegen kaum Veränderungen.

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Erste-Hilfe-Leistung

Im Verlauf der zehn Jahre, die zwischen den beiden Untersuchungszeitpunkten lagen, haben sich in der Rangliste der häufigsten Nennungen kaum Änderungen in der Art der Erste-Hilfe-Leistung ergeben. Allerdings zeigen sich bei einigen Maßnahmen deutliche Unterschiede in den Anteilen. Für beide Untersuchungen gilt, dass in drei von fünf Unfällen von der Lehrkraft Sofortmaßnahmen durchgeführt wurden. 40,1% (1998/99) bzw. 46,4% (2008/09) der Lehr­kräfte gaben den Unfallschülern den Rat, bei zunehmenden Schmerzen einen Arzt aufzusu­chen. Die dritthäufigste Maßnahme der Lehrer war es, für den Transport der Schüler zum Arzt oder ins Krankenhaus Sorge zu tragen (1998/99: 35,1%; 2008/09: 22,0%). Die Antwort, dass die Verletzung nicht bemerkt wurde, gaben die Lehrer in der aktuellen Untersuchung ca. 4%-Punkte häufiger als vor zehn Jahren an (vgl. Abbildung 134).

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Ausblick

Die vielfältigen Arbeiten, die für landesweite und schuljahresübergreifende Studien von Sei­ten der Unfallkasse NRW und der Wuppertaler Forschungsstelle „Mehr Sicherheit im Schul­sport“ bewältigt werden mussten, haben sich auch diesmal gelohnt. Die repräsentative Be­standsaufnahme zum schulsportlichen Unfallgeschehen an den Allgemeinbildenden Schulen im größten Bundesland konnte die gesetzten Ziele erreichen.

  • Zum einen konnte die zweite NRW-Studie 2008/09 eine aktuelle Analyse zu den perso­nalen, materiell-organisatorischen und situativen Unfallfaktoren auf einer großen Daten­basis durchführen und den bisherigen, zehn Jahre alten Kenntnisstand gründlich prüfen. Dabei ergaben sich an vielen Stellen Übereinstimmungen, gleichzeitig müssen auch Korrekturen am bisherigen Wissen vorgenommen und neue Entwicklungen zur Kenntnis genommen werden.
  • Zum anderen sind die Bedingungen für eine kontinuierliche landesübergreifende Be­richterstattung auf einer zeitgemäßen Datengrundlage (Datenbank der Unfallkasse) sys­tematisch in einer Vor-und Hauptstudie erprobt worden. Somit steht ein Verfahren zur Durchführung repräsentativer Studien zur Verfügung, mit denen empirisch geprüftes Ba­siswissen für landesweite Präventionsstrategien bereitgestellt werden kann.

Schließlich konnte eine wichtige Innovation in der NRW-Studie 2008/09 realisiert werden. Durch die erstmalige Einbeziehung neuer Fragen an die Unfallschüler zu persönlichen Dis­positionen und zum schulischen Setting (u. a. zur Regeleinhaltung, Risikobereitschaft, Wett­bewerbsverhalten, sportbezogene Selbstwirksamkeitserwartung) wurde ein Anschluss zum Konzept einer „guten und gesunden Schule“ gelegt. Wie sich diese Erkenntnisse im Verlauf der Zeit verändern, können erst die künftigen Untersuchungen zeigen. Auch deshalb kann man auf eine dritte NRW-Studie zum schulsportlichen Unfallgeschehen – vielleicht in zehn Jahren – schon jetzt gespannt sein.

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