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Kunstturnerin Anja Brinker: "Das ist ein tolles Gefühl, wenn man so durch die Luft fliegt."

Von Arnd Zickgraf

Turnerin Anja Brinker
Anja Brinker lebt und trainiert im Leistungszentrum in Bergisch Gladbach

Junge Leistungssportler haben einen schwierigen Spagat zu bewältigen: Einerseits sollen Sie sportliche Höchstleistungen bringen, andererseits sollen Sie zufriedenstellende schulische Leistungen erreichen. Die siebzehnjährige Anja Brinker erlebt den Konflikt täglich. Sie besucht ein Sportinternat in Bergisch- Gladbach und ist 2007 Deutsche Meisterin am Stufenbarren geworden. In diesem Jahr nimmt sie an den Olympischen Spielen teil. Im Interview erzählt sie vom Leben zwischen Sport und Schule, dem Reiz des Leistungssports und ihren ersten Eindrücken von China.

Sie sind eine der besten Turnerin Deutschlands. Wie sind Sie zum Turnen gekommen?  

Brinker: Als ich noch kleiner war, habe ich neben dem Turnen noch Tennis gespielt und bin geritten. Ich habe mich fürs Turnen entschieden, weil meine Mutter mich trainiert hat. Auf Tennisspielen hatte ich einfach keine Lust mehr.

Wer hat Ihr Talent entdeckt?

Brinker: Da ich aus Melle stamme, hat im Trainingscamp in Wolfsburg Trainer Heiner Wilhelm mein Talent erkannt und gesagt, ich sollte den Trainingsstützpunkt wechseln. Auf diese Weise bin ich zunächst nach Hannover gekommen. Seit 2003 trainiere ich in Bergisch-Gladbach.

Und wann haben Sie selbst zum ersten Mal realisiert, dass Sie Talent zum Turnen haben? 

Brinker: Vielleicht so im Alter von sieben Jahren. Man merkt das, wenn man die Vorgaben der Trainer gut umsetzen kann und alles schnell klappt. Manche Menschen haben ein weniger ausgeprägtes Körpergefühl, die kriegen das dann nicht so auf die Reihe. Bei mir hat es von Anfang an gut geklappt.

Wie viel Stunden am Tag trainieren Sie?

Brinker:Ich trainiere insgesamt fünf Stunden - jeden Tag zwei Mal. Mein Tagesablauf sieht so aus: Schule, Training, Schule, Training. Zwischendurch habe ich gelegentlich ein bis zwei freie Stunden. Da bleibt nicht viel Zeit zum Durchschnaufen.

Viele Jugendliche sind heutzutage nicht mehr zum Leistungssport zu bewegen. Was reizt Sie am Leistungssport?

Brinker: Turnen ist eine abwechslungsreiche Sportart. Beim Fußball macht man immer dasselbe. Beim Turnen hingegen hat man nicht nur ein Sportgerät - den Ball -, sondern viele Geräte. Das reizt mich.

Wie gehen Ihre Freundinnen und Freunde damit um, dass Sie eine so bekannte Turnerin sind?

Brinker: Einige finden das toll. Andere sind ein bisschen neidisch. Die beschweren sich darüber, dass die Anja wieder mal nicht anzutreffen ist...

Sie sind 2007 Deutsche Meisterin am Stufenbarren geworden und fahren jetzt zu den  Olympischen Spielen. Bei diesem Wettkämpfen sind Millionen von Blicken auf Sie gerichtet. Sind Sie sich dessen bewusst?

Turnerin Anja Brinker
"Olympia ist das Größte, was ein Sportler erreichen kann":
Kunstturnerin Anja Brinker

Brinker: Vor Wettkämpfen merke ich das schon und bin unruhig. Bei der Turnweltmeisterschaft in Stuttgart im letzten Jahr zum Beispiel waren sehr viele Zuschauer. Aber wenn man in die Halle kommt und an den Geräten steht, kriege ich das nicht mehr mit. Dann bin ich ganz auf meine Übungen konzentriert. Was um mich herum passiert, wird unwichtig.

 Wie halten Sie die Balance zwischen Sport und Schule? 

Brinker: Ich besuche eine Partnerschule des Leistungssports in Herkenrath. Da ist alles gut aufeinander abgestimmt. Unsere Cheftrainerin arbeitet auch an dieser Schule. Die Leistungssportler können beispielsweise dem regulären Sportunterricht fernbleiben und trainieren in dieser Zeit ihre eigene Sportdisziplin. Wenn wir durch das Training Unterricht verpassen, kommen die Lehrer zu uns ins Internat und holen mit uns den Stoff nach, den wir versäumt haben.  

Ihr Lieblingsgerät ist der Stufenbarren. Warum?

Brinker: Mir gefallen die Fliegerfiguren und die verschiedenen Drehungen. Das ist ein tolles Gefühl, wenn man so durch die Luft fliegt.

Haben Sie sich schon mal dabei verletzt?

Brinker: Natürlich tue ich mir manchmal weh. Ich bin schon auf den Holm (So werden die beiden Übungsstangen aus Holz am Stufenbarren genannt) gekracht oder daran vorbei geflogen. Aber das passiert jedem Sportler. Wichtig ist, gleich noch mal ans Gerät zu gehen und die Übung zu wiederholen, damit man keinen Respekt mehr davor hat. Nach manchen Stürzen war Angst da, dann musste ich mich durchaus überwinden, es noch einmal zu probieren.

Bei Spitzenleistungen kommt es oft auf den Kopf an. Machen Sie auch Mentaltraining?

Brinker: Ich habe keinen Psychologen. Aber die Nationalmannschaft und die verschiedenen Leistungssportstützpunkte arbeiten mit Psychologen.

Wie bereiten Sie sich auf Wettkämpfe vor?

Brinker: Ich bin nicht der Typ, der vor dem Wettkampf Musik hört oder ähnliches. Ich gehe einfach in den Wettkampf, stehe vor den Geräten und gehe dort die Übungen im Kopf durch. 

Träumen Sie auch vom Turnen?

Brinker: Ab und zu. Manchmal ist es ganz komisch. Dann träume ich von Übungen, die ich noch gar nicht geturnt habe oder noch gar nicht kann...

Wie geht es Ihnen damit, nach China zu reisen?

Brinker: Ich war bereits letztes Jahr in China. Dabei haben wir schon mal unsere Geräte getestet. Zum ersten Mal sahen wir die unfertigen olympischen Sportstätten. Das Olympiastadion ist riesig. Es ist schon gigantisch, was die Chinesen alles gebaut haben. Im Fernsehen kommt diese Größenordnung gar nicht richtig rüber. Ansonsten finde ich es schade, dass in Peking immer Smog in der Luft liegt. Man kann nie so richtig weit sehen. An manchen Stellen in Peking sieht man kaum 100 Meter weit. Das ist schon krass. Was ich ekelhaft finde, ist dass jeder Zweite, der an einem vorbeigeht, auf die Straße spuckt. Erschreckend finde ich auch, dass kaum einer Englisch spricht. Wenn wir damals nicht den Dolmetscher vom Hotel dabei gehabt hätten, weiß ich nicht, wo wir in der Stadt gelandet wären.

Chinesen gelten als ausgezeichnete Turner. Welches Geheimnis steckt dahinter?

Brinker: Die Chinesen sind im Turnen die Top-Nation. Da kommen wir Deutschen nicht ran. So viel ich weiß, trainieren die acht Stunden und mehr am Tag, gehen nicht zur Schule. Ihr Leben besteht nur aus Training. Sie sind von ihren Eltern getrennt und leben im Internat. Für die Chinesen gibt es halt nur Turnen, Turnen, Turnen und sonst nichts. Wir treffen Chinesen auf verschiedenen Wettkämpfen. Dort sind sie eher für sich allein.

Was bedeutet Ihnen Olympia?

Brinker: Die Olympischen Spiele sind das Größte, was ein Sportler erreichen kann. Es ist ganz anders als bei einer Weltmeisterschaft. Bei Olympia kommen Sportler aller Sportarten zusammen. Es ist hoch interessant, wenn man auch die anderen Sportarten miterlebt.

 

Anja Brinker wurde am 18. Januar 1991 geboren. Im Jahr 2007 wurde sie Deutsche Meisterin am Stufenbarren sowie Vize-Meisterin im Mehrkampf. Sie war entscheidend an der Qualifizierung der deutschen Mannschaft für die Olympischen Spiele in Peking beteiligt. Die Spitzenturnerin wird seit 2003 im Bundesstützpunkt Bergisch Gladbach gefördert, seit 2005 mit Mitteln der Sportstiftung NRW. Außerdem profitiert die Nachwuchs-Turnerin vom Verbundsystem Schule/Leistungssport: Sie geht in die elfte Klasse des Gymnasiums in Herkenrath, einer "Partnerschule des Leistungssports", und lebt im Internat des Rheinischen Turnerbunds in Bergisch-Gladbach. Ihr Lieblingsfach ist Mathematik.

Die Landesregierung will den Leistungssport stärken. Die Pressemitteilung finden Sie hier

Weitere Informationen:

Internationales Olympisches Komitee

http://www.olympic.org/uk/index_uk.asp

Deutscher Olympischer Sportbund

http://www.dosb.de/de/

Turn-Weltmeisterschaften in Stuttgart 2007

http://www.enbw-turn-wm.de/

Gymnasium Herkenrath

http://www.gymnasium-herkenrath.de/index.php?page=Home

TV Herkenrath

http://www.tvherkenrath09.de/