Sicherheits- und Gesundheitsförderung
Zu schwere Schulranzen schon bei Grundschulkindern

Das ist die Faustformel: Nicht mehr als zehn Prozent des Körpergewichts sollte das Gewicht des Schulranzens betragen. So ist es auch in der deutschen Schulranzennorm nach DIN 58124 festgelegt. Geht man von durchschnittlich 25 Kilo Körpergewicht eines Erstklässlers aus, darf die Schultasche samt Inhalt dann gerade mal 2,5 Kilo wiegen. Aber: '"Kinder neigen dazu, viel zu viele Dinge mit sich herumzuschleppen und damit den Rücken zu überlasten," warnt Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung NRW . Und: "Deshalb sollten Eltern den Inhalt des Schulranzens ab und zu kontrollieren."
Orthopäden beklagen immer wieder das hohe Gewicht von Schulranzen und sehen es als eine Ursache für Rückenschmerzen von Kindern. Eine Studie an zwei Tübinger Schulen der dortigen Orthopädischen Universitätsklinik differenziert die Problematik. Einen direkten Zusammenhang zwischen Schulranzengewicht und Wirbelsäulenerkrankungen oder angegebenen Rückenschmerzen konnte dabei die Ärztin Dr. Carmen Ina Leichtle nämlich nicht feststellen. "Wir müssen also nach weiteren Ursachen suchen, etwa psychosomatischen Faktoren oder Stressbelastungen," so Leichtle gegenüber der "Ärztezeitung". Weitere Gründe könnten auch die Bewegungsarmut von Kindern und Jugendlichen sowie die vermehrt statische Belastung der Wirbelsäule beim Sitzen etwa vor Computer oder Fernseher sein.
Bei der Studie an einem Gymnasium und an einer Grundschule in Tübingen fiel auf, dass das Tornistergewicht im Verhältnis zum Körpergewicht allmählich zunimmt. In der Grundschule betrug das Schultaschengewicht durchschnittlich elf Prozent, am Gymnasium 13 Prozent des Körpergewichts. Insgesamt wurden 253 Schüler zwischen sechs und 20 Jahren befragt . In der Grundschule gaben 47 Prozent der befragten Schüler an, schon einmal Rückenschmerzen gehabt zu haben, im Gymnasium 71 Prozent. Alarmierender die insgesamt durchschnittlich 26 Prozent, die angaben, sie hätten mehr als einmal im Monat Beschwerden. Bei 13 Prozent der Befragten waren sogar Wirbelsäulenerkrankungen bekannt.
Zu hohe Rückenbelastungen von Schülerinnen und Schülern bleiben also auch nach der Grundschule ein Thema. Darauf reagiert zum Beispiel Achim Lingen von der Matthias-Claudius-Gesamtschule in Bochum. Als Klassenlehrer in der Jahrgangsstufe 6 problematisiert er das Schulranzengewicht deswegen auch in der ersten Klassenpflegschaftsversammlung mit den Eltern - aber eben auch praxisnah im Unterricht mit den Schülerinnen und Schülern.
In den "allgemeinen" AS-Klassenstunden werden alle Schüler und ihre jeweiligen Schultaschen gewogen, anschließend der Inhalt gemeinsam gesichtet. Dabei kommt dann auch viel Überflüssiges zutage und entnommen. Die Kinder erfahren, wie viel ihren Rücken unnötig belastet. Lingen: "Danach wiegt der Tornister manchmal nur noch die Hälfte!" Der Mathematiklehrer erreicht damit auch, dass die Kinder rechtzeitig persönlich spüren, "wie sie sich selbst Gutes tun können." Die Zeit, in der Eltern wirklich Einfluss auf den Schultascheninhalt ihrer Kinder nehmen könnten, sei mit Beginn der Pubertät sowieso vorbei.




