Sicherheits- und Gesundheitsförderung
Stressbewältigung durch Bewegung
Ergebnisse
Aus Schülersicht wurden die Projektergebnisse am Samstag nach Ablauf der Projektwoche präsentiert. Schwerpunkt ihrer Präsentation war der gelernte Umgang mit Zeitdruck. Zu diesem Zweck entwickelten die Schülerinnen und Schüler in Eigenregie einen Katalog von Empfehlungen, der auf Plakaten dargestellt und anschließend am "2ball-Spiel" demonstriert wurde:
Wie gehe ich mit Zeitstress um?
- Ich konzentriere mich nur auf die Sache, die ich gerade tue.
- Ich gehe lieber langsam und konzentriert an die Aufgabe heran, statt zu hetzen.
- Ich achte nicht darauf, was andere tun oder sagen und lasse mich nicht ablenken.
- Ich mache mir selbst Mut und sage mir: "ICH SCHAFFE ES!"
- Ich stelle mir vorher genau vor, was zur Aufgabenlösung zu tun ist.
- Ich stecke mein Ziel nicht zu hoch.
- Für das 2ball-Spiel überlege ich mir eine Strategie.
Die begleitende Evaluationsstudie sollte folgende Fragestellungen untersuchen:
- Es soll überprüft werden, ob in
dem Unterrichtsprogramm die relevanten Stresssituationen
des Sportunterrichts enthalten sind.
- Es soll analysiert werden, wie die Unterrichtsinhalte
von den Schülerinnen und Schülern
bewertet wurden.
- Es soll festgestellt werden, welche Veränderungen im Umgang mit Stress sich aus der Sicht der Schülerinnen und Schüler ergeben haben.
Zur Überprüfung der Effektivität
des Programms wurden folgende Fragebogen eingesetzt:
(1) Der Fragebogen zum Stresserleben, mit dem erfasst werden soll, ob Schülerinnen und Schüler im Sportunterricht Stress erleben und den Umgang mit Stress erlernen wollen. Damit sollte geprüft werden, wie relevant das Stressprogramm für den Sportunterricht ist.
(2) Der selbst entwickelte Fragebogen zu Stresssituationen im Sportunterricht sollte zum einen deutlich machen, welche Situationen für die Schülerinnen und Schüler mehr oder weniger unangenehm sind. Damit sollte festgestellt werden, wie relevant die im Unterrichtsprogramm vorgegebenen Stresssituationen für die Schülerinnen und Schüler sind.
(3) Zur Unterrichtsbewertung wurden für beide Gruppen unterschiedliche Fragebogen eingesetzt, da nur die Versuchsgruppe das Stressprogramm absolvierte und die Kontrollgruppe andere sportbezogene Unterrichtsinhalte während der Projektwoche hatte. Die Kontrollgruppe sollte am Schluss der Woche ihren Sportunterricht einschätzen; die Versuchsgruppe wurde dagegen am Ende jedes Unterrichtstags um eine Bewertung der Unterrichtsinhalte gebeten.
(4) Nach Abschluss der Programmdurchführung
beantwortete die Versuchsgruppe außerdem
den selbst entwickelten Fragebogen zu den Programmeffekten.
Die Untersuchungsgruppe besteht insgesamt aus
56 Schülerinnen und Schülern. 26 von
ihnen haben am Stressprogramm teilgenommen und
bilden die Versuchsgruppe, die übrigen 30
Schülerinnen und Schüler die Kontrollgruppe.
Alle Schülerinnen und Schüler waren
in der 9. Klasse und 14 Jahre alt. 55 % der Schülerinnen
und Schüler sind weiblich und 45 % männlich.
Im Durchschnitt haben sie eine gute Note in Sport,
was sich damit erklären lässt, dass
die meisten (91 %) sehr gern bzw. gern am Sportunterricht
teilnehmen.
Die Auswertung der Fragebögen ergab folgende
Ergebnisse:
Stresserleben im Sportunterricht
Vor Beginn der Programmdurchführung wurde
die gesamte Untersuchungsgruppe zu ihrem Stresserleben
im Sportunterricht befragt. Die Ergebnisse zeigen,
dass Stress im Sportunterricht für viele
Schülerinnen und Schüler ein Problem
ist, für das sie gerne Lösungsmöglichkeiten
kennen würden. Gut ein Drittel (37 %) erlebt
häufig bzw. manchmal Stress im Sportunterricht,
die restlichen Schülerinnen und Schüler
erleben selten oder nie Stress. Der Wunsch nach
weniger Stress im Sportunterricht wird von 29
% der Schülerinnen und Schülergeäußert.
Ihren Umgang mit Stress wollten knapp zwei Drittel
der Schülerinnen und Schüler (62 %)
gerne verbessern.
Analyse der typischen Stresssituationen
Die Ergebnisse der Befragung machen deutlich,
dass die Mehrheit der vorgegebenen Situationen
im Sportunterricht von den Schülerinnen und
Schülern als eher unangenehm erlebt wird.
Lediglich zwei Situationen werden als angenehm
erlebt. Die typischen Stresssituationen sind:
- wenn sie etwas falsch machen,
- wenn etwas gemacht wird, was sie nicht so
gut können,
- wenn sie nicht genau wissen, was von ihnen
erwartet wird,
- wenn Aufgaben unter Zeitdruck zu lösen
sind,
- wenn sie etwas vormachen sollen oder
- wenn Prüfungen stattfinden.
Aus diesen Schülereinschätzungen kann gefolgert werden, dass die in das Programm aufgenommenen Stresssituationen für den Sportunterricht relevant sind.
Analyse der Unterrichtsbewertung der Versuchsgruppe
Das Stressprogramm wurde an vier aufeinanderfolgenden
Unterrichtstagen durchgeführt. Am Ende eines
jeden Unterrichtstages wurde von den Schülerinnen
und Schülern eine Gesamtbewertung des Unterrichts
vorgenommen. Es zeigte sich, dass die Zustimmung
der Schülerinnen und Schüler zu den
Programminhalten von Tag zu Tag größer
wurde.
Während 63 % der Schülerinnen und Schüler
den ersten Unterrichtstag mit sehr gut/gut beurteilen,
wurde der zweite Unterrichtstag von 85 %, der
dritte Unterrichtstag von 96 % und der vierte
Unterrichtstag von 100 % der Schülerinnen
und Schüler mit sehr gut/gut beurteilt. Dieses
Ergebnis lässt sich zum einen durch die am
ersten Projekttag ungewohnten Programminhalte
erklären (Übungen: "schmelzender
Schneemann", "aufblasbares Spielzeug",
"ich habe keine Zeit"). Zum anderen
fiel es den Schülerinnen und Schülern
zu Anfang sicherlich nicht leicht, sich bei diesen
Übungen in einer Art präsentieren zu
müssen, die bisher im Sportunterricht und
damit im Klassenverband nicht üblich war.
Den Schülerinnen fiel die Durchführung
dieser Unterrichtsinhalte offensichtlich leichter
als den Schülern, denn die geschlechtsspezifische
Analyse der Bewertungen der Unterrichtseinheiten
hat ergeben, dass den Schülerinnen die Unterrichtsinhalte
des ersten und vierten Projekttags signifikant
besser gefallen haben als den Schülern. Man
kann vermuten, dass die Schülerinnen neuen
Unterrichtsinhalten aufgeschlossener gegenüber
sind, denn neben den für alle ungewohnten
Übungen am ersten Projekttag wurde am vierten
Unterrichtstag an der Kletterwand das Klettern,
Abseilen und Sichern durchgeführt, was für
die Schülerinnen wahrscheinlich einen größeren
Neuigkeitswert als für die Schüler hatte.
Betrachtet man die Ergebnisse der Analyse, welche
Unterrichtsinhalte von den Schülerinnen und
Schülern insgesamt am positivsten beurteilt
wurden, wird deutlich, dass die am besten bewerteten
Übungen strukturell völlig unterschiedlich
zu den Übungen sind, die in den ersten beiden
Übungseinheiten gemacht wurden und den Schülerinnen
und Schülern insgesamt nicht so gut gefallen
haben.
Unterrichtsinhalte, die sich auf Sportspiele beziehen
("das selbständige Erarbeiten der Regeln
beim Football-Spiel", "die Übung
Freiwurfspiel 2ball") und jene, die einen
gewissen Bezug zu Abenteuer haben ("die Möglichkeit,
sich an der Kletterwand selbst sichern zu können"),
kommen bei den Schülerinnen und Schülern
besonders gut an. Die geringste Zustimmung erhielten
die Übungen, die zu Beginn des Programms
die Sensibilisierung für Stressreaktionen
und die Wahrnehmung des Bewegungsverhaltens verbessern
sollten.
Ebenso wie bei der Gesamtbewertung des Unterrichtsprogramms
lassen sich auch bei der Beurteilung der einzelnen
Übungen geschlechtsspezifische Unterschiede
erkennen. Wiederum sind es die Schülerinnen,
denen sechs Übungen signifikant besser gefallen
haben als den Schülern. Sie fanden die Übungen
- "Aufblasbares Spielzeug"
- "Ich habe keine Zeit"
- "Balancieren mit einem Luftballon"
- "Mit geschlossenen Augen von einer Hallenseite
zur anderen gehen"
- "Mit geschlossenen Augen balancieren"
- "Die Möglichkeit, das Sichern gelernt zu haben"
wesentlich interessanter als die Schüler. Nur die Übung "Jungen wählen" hat – verständlicherweise – den Schülern mehr zugesagt als den Schülerinnen und Schüler.
Analyse der Unterrichtsbewertung der Kontrollgruppe
Die Kontrollgruppe hatte in der Projektwoche amerikanische
Sportarten als Unterrichtsinhalt. Baseball und
Football wurden von ihnen sowohl in der Halle
als auch auf dem Freiplatz erlernt und gespielt.
Generell hat den Schülerinnen und Schülern
dieses Projektprogramm gefallen, denn alle beurteilen
den Unterricht allgemein mit sehr gut bzw. gut.
Bei den beiden Sportarten bevorzugten sie Baseball
gegenüber Football. Baseball auf dem Freiplatz
fand zu 100 % ihre Zustimmung, in der Halle waren
es 59 %. Auch Football haben die Schülerinnen
und Schüler lieber auf dem Freiplatz als
in der Halle gespielt, aber hier bewerteten nur
52 % bzw. 31 % den Unterricht als gut oder sehr
gut. Fast alle Schülerinnen und Schüler
(97 %) gaben an, mit dem Verständnis und
dem Umgang mit den amerikanischen Fachausdrücken
keine Probleme gehabt zu haben. Insgesamt ist
das Projektprogramm bei den Schülerinnen
und Schülern auf große Zustimmung gestoßen.
Analyse der Programmeffekte
Die Teilnahme am Stressprogramm hat bei den meisten Schülerinnen und Schülern positive Effekte auf ihren Umgang mit Stress bewirkt. Die Ergebnisse zeigen, dass sie folgendes gelernt haben:
- Wenn ich etwas vormachen soll, weiß
ich, was ich tun kann, um keinen Stress zu erleben
- Der Kurs hat mir Möglichkeiten aufgezeigt,
wie ich durch Atmung meinen Stress loswerden
kann
- Der Kurs hat mir deutlich gemacht, was ich
alles machen kann, um meinen Stress abzubauen
- Durch den Kurs habe ich erfahren, dass Bewegung mir hilft, um Stress abzubauen
Etwas geringer sind die Veränderungen durch das Stressprogramm für die Aussagen:
- Bei unbekannten/riskanten Übungen traue
ich mir jetzt mehr zu, als vor dem Kurs
- Ich glaube, dass ich künftig vor Klassenarbeiten
weniger gestresst bin
- Durch den Kurs bin ich selbstbewusster geworden
- In dem Kurs habe ich Übungen geschafft, die ich mir vorher nicht zugetraut habe
Die Ergebnisse zeigen, dass die Schülerinnen
und Schüler nach dem Stressprogramm deutlich
mehr Möglichkeiten zur Verfügung haben,
entweder Stress zu vermeiden oder Stress abzubauen.
Um die Vielzahl der einzelnen Programmeffekte
inhaltlich zu strukturieren, wurde eine binär-strukturierte
Faktorenanalyse berechnet, die die beiden Hauptfaktoren
"Stresskontrolle" und "Stressprävention"
erbrachte, wobei die Stresskontrolle noch mal
unterteilt wird in "Stresssensibilisierung"
und "Verbesserung der Bewältigungskompetenz".
Unter Stresssensibilisierung wird die verbesserte
Wahrnehmung und das Bewusstwerden für die
eigenen Stressreaktionen und das eigene Stressverhalten
verstanden. Verbesserung der Bewältigungskompetenz
beinhaltet Möglichkeiten, um mit Stress besser
umgehen zu können. Stressprävention
bezieht sich darauf, ob Stress in zukünftigen
Situationen im Sportunterricht vermieden werden
kann.
Ein Vergleich zwischen Schülerinnen und Schülern
hinsichtlich der drei Faktoren der Programmeffekte
zeigt, dass Schülerinnen mehr von dem Stressprogramm
profitieren als Schüler, da sie zum einen
stärker für Stressreaktionen und ihr
Verhalten in Stresssituationen sensibilisiert
worden sind und zum anderen in größerem
Umfang Möglichkeiten vermittelt bekommen
haben, um mit ihrem Stress besser umgehen zu können.
Die höhere Stresssensibilisierung der Schülerinnen
zeigt sich beispielsweise darin, dass sie signifikant
häufiger angeben, in dem Kurs kennen gelernt
zu haben, wie ihr Körper reagiert, wenn sie
gestresst sind, sie jetzt wissen, wie sie sich
verhalten, wenn sie gestresst sind und ihnen klar
geworden ist, wie sie sich bewegen, wenn sie gestresst
sind.




