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Lernen braucht Bewegung

Lernerorientierung | Neurowissenschaften | Psychomotorik | Kognitive Psychologie | Sportwissenschaft

Hintergründe

Neurowissenschaften/Lerntheorie - Welche Erkenntnisse neurowissenschaftlicher For-schung beleuchten den Zusammenhang von Lernen und Bewegung?

Die Neurowissenschaften haben in den letzten 15 Jahren enorme Erkenntnisgewinne zu verzeichnen gehabt, da sie mit Beginn der 90er Jahre in den USA politisch massive Unterstützung gefunden haben. Diese führte u.a. zur Entwicklung neuer Untersuchungsverfahren, z.B. neuer bildgebender Verfahren, die es uns ermöglichen, dem Menschen gleichermaßen beim Denken zuzuschauen. Diese Verfahren wurden bis heute zunehmend verfeinert und eröffnen auch künftig ungeahnte Erkenntnismöglichkeiten und neue interdisziplinäre Forschungsansätze.

In der lerntheoretischen Diskussion sind dabei zwei neurowissenschaftliche Forschungsschwerpunkte aufgegriffen worden, deren Befunde Konsequenzen für die Gestaltung von Lernen und Lernarrangements haben. Der erste Schwerpunkt betrachtet auf zellulärer und morphologischer Ebene die Kommunikation von Neuronen (Veränderung von Stoffwechsel und Strukturen neuronaler Verbindungen - Synaptoplastizität und die Entstehung neuer Neuronen - neuronale Plastizität). Der zweite betrachtet die Kommunikation unterschiedlicher Systeme des Gehirns. Sie wurde insbesondere über neuroanatomische Forschung und Fragen der Hirnentwicklung besser ausgeleuchtet.

Für den Zusammenhang von Bewegung und Lernen sind beide Schwerpunkte bedeutsam, da Bewegung günstigere Voraussetzungen für alle Prozesse der Umstrukturierung und Neubildung von Neuronen und neuronalen Verbindungen schafft und in der Hirnentwicklung zu einer optimalen Funktionsweise der Kommunikation der Systeme grundlegend beiträgt. Im Kontext der Fachtagung am 18./19.11.2003 wurden drei Positionen beschrieben:


Prof. Dr. Niels Birbaumer, Universität Tübingen

Das Gehirn ist ein hoch assoziativ und connective arbeitendes Organ. Es saugt Gleichzeitigkeiten und Strukturen (Sinn-volles) wie ein Schwamm auf und bildet es in neuronalen Strukturen ab, die immer neu angepasst werden. Es ist zu ungeahnten Kompensationsleistungen fähig. Die Prozesse und Gesetzmäßigkeiten, die diese Anpassungsprozesse ermöglichen und charakterisieren, sind weitgehend unbekannt! Andererseits klären die Kompensationsleistungen, zu denen das Gehirn bei Ausfall der Motorik in der Lage ist, nicht, welche Bedeutung die Motorik z.B. für Stoffwechselmilieus und neuroplastische Prozesse (Lernen) u.a. in der Entwicklung haben kann!


PD. Dr. Christian Gerloff, Universität Tübingen

Als unspezifische Effekte von Bewegung für Lernen sind die Transmitterdusche und "Ferneffekte" zu nennen. Entscheidend für Lernen ist die Langzeitpotenzierung. Sie "verstellt" die Zelle entsprechend der spezifischen Stimulationen. Um dem Verhältnis von Kognition und Bewegung auf die Spur zu kommen, sind assoziative Impulse - Impulse motorischer und kognitiver Strukturen, die gleichzeitig zur Potenzierung des angesprochenen Neurons führen - der Königsweg. Für konkrete Hinweise solcher spezifischen Wirkungszusammenhänge bedarf es weiterer Forschungsarbeit!


Prof. Dr. Gertraud Teuchert-Noodt, Universität Bielefeld

Entwicklung von Nervennetzen erfolgt aktivitätsbedingt durch Organisation und Reorganisa-tion. Reorganisation heißt Lernen in kleinen und großen Regelkreisen unter dem Einfluss von motorischer Aktivität als essentiellem Bestandteil der Wahrnehmungskategorisierung und Gedächtnisbildung In der Entwicklung des Gehirns werden Funktionszusammenhänge der Areale und Strukturen des Gehirns gebahnt und ausgebaut, die ohne Motorik in eine Schieflage geraten, was spätere Entwicklungen behindern kann. Die Entwicklung von Nervennetzen erfolgt aktivitätsbedingt durch Organisation und Reorganisation. Reorganisation heißt demnach "Lernen in kleinen und großen Regelkreisen unter dem Einfluss von motorischer Aktivität" als essentiellem Bestandteil der Wahrnehmungskategorisierung und Gedächtnisbildung.

Zusätzlich illustrieren Forschungsansätze zum Sprachenlernen bzw. zur Bedeutung von Musik für das Lernen den Zusammenhang von Motorik und Lernen.