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Reflexive Koedukation im Sportunterricht
Geschlechtspezifische Unterschiede in der Körper-, Bewegungs-,und Sportentwicklung - ihre Ursachen und Folgen
Obwohl sich die Lebenswelten und die Spielpräferenzen der Kinder im letzten Jahrhundert in vielerlei Hinsicht verändert haben, gibt es nach wie vor eine geschlechtsspezifische Ausprägung im Hinblick auf Körperlichkeit und Spielpräferenzen, Bewegungs- und Raumverhalten. Dies korrespondiert mit der Kontinuität der zweigeschlechtlichen Organisierung unserer Gesellschaft, gerade auch ihrer kulturellen Deutungsmuster hinsichtlich der 'Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder'.
Geschlechtsspezifische Raum- und Bewegungserfahrungen
- Die öffentlichen Räume, d. h. Spielplätze mit Sportangeboten, Straßen, Gärten, Hinterhöfe, Baustellen, Grünflächen, Flussläufe werden eher von Jungen oder Jungengruppen erobert und besetzt (expansiveres räumliches Verhalten - motorische Raumerweiterung).
- Jungen zeigen in der Regel ein stärkeres Interesse an der Exploration von Dingen und Orten.
- Die Räume, die Mädchen in ihrer freien Zeit nutzen, sind in der Regel kleiner als die der Jungen. Sie bewegen sich eher im nahräumlichen Bereich, wie z. B. in Hinterhöfen, Gärten am Haus.
- Mädchen zeigen in der Regel eine stärkere Personenorientierung.
- Mädchen und Jungen unterscheiden sich in der Art und Nutzung von Spiel- und Bewegungsräumen.
- Mädchen und Jungen nutzen den sozialen Raum "Sportverein" unterschiedlich.
Ursachen und Hintergründe für die geschlechtsspezifischen Konstruktionen von Bewegungs- und Sportpräferenzen
- Mädchen werden eher behütet als Jungen.
- Mädchen werden in der Regel stärker zu Anpassung und Empathie sozialisiert als Jungen.
- Mädchen verfügen im Durchschnitt über weniger freie Zeit als Jungen.
- Mädchen und Jungen lernen auch am Vorbild ihrer Mütter und Väter einen spezifischen 'weiblichen' und 'männlichen' Umgang mit dem Körper und dem sozial-räumlichen Umfeld.
- Spielzeug, das eher Mädchen als Jungen angeboten wird, regt weniger zu motorischen Aktivitäten und explorativem Verhalten an.
- Durch die Medien werden subtil und manifest einseitige geschlechtsspezifische Bilder vermittelt und verstärkt.
- Jungen und Mädchen werden zu geschlechtsspezifischen sportlichen Aktivitäten von ihrer Umwelt ermuntert.
- Der Sportunterricht in der Schule und die Sport- und Bewegungsangebote im Verein verstärken bisher eher die unterschiedlichen Vorerfahrungen der Mädchen und Jungen als dass sie abgebaut werden.
Geschlechtsspezifische Benachteiligungen von Mädchen im Sportunterricht
Es lässt sich festhalten, dass Mädchen in einem koedukativen Sportunterricht in der Regel:
- weniger Aufmerksamkeit durch die Lehrerinnen und Lehrer erfahren als die Jungen,
- ihre Interessen weniger stark durchsetzen können als es Jungen tun,
- in ihrem Sporttreiben weniger wertgeschätzt werden als Jungen,
- auf einen traditionell 'weiblichen ' Sport zurückgeworfen werden (auch dadurch, dass sie diesen fordern),
- von manchen Jungen in ihren persönlichen Grenzen nicht geachtet werden,
- sich im Vergleich zu den Jungen leistungsmäßig schlechter erleben,
- mit zunehmendem Alter eher an Selbstwertgefühl verlieren als dass dieses zunimmt,
- lernen sich anzupassen, anstatt ihren Interessen Geltung zu verschaffen,
- Identitätskonflikte in der Art erleben, dass sie lieber Junge sein mögen und ihre Identität als Mädchen eher ablehnen.
Geschlechtsspezifische Benachteiligungen von Jungen im Sportunterricht
- Gerade im Sportunterricht gilt für Jungen der "Überlegenheitsimperativ" (Jungen müssen sich anderen Jungen, insbesondere aber Mädchen und Frauen gegenüber stärker und überlegener zeigen als sie tatsächlich sind.)
- Traditionellerweise gilt Sport als ‚männliche' Domäne, die durch Kampf, Einsatz, Risiko und Härte gekennzeichnet ist. Jungen, die diesem Bild nicht entsprechen können oder wollen, laufen Gefahr, entwertet zu werden.
- Das geschlechtshierarchische Bild vom Sport wird durch die Medien (starke Konzentration auf Sportarten wie Fußball, Basketball, Motorsport) immer wieder bestätigt und verfestigt. Den Jungen wird es schwer gemacht, ihr einseitiges Sportverständnis und Verhaltensrepertoire zu erweitern.




