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Reflexive Koedukation im Sportunterricht

Ziele reflexiver Koedukation
Gestaltung reflexiver Koedukation
Funktionen der Materialien

Einleitung

Koedukation, die gemeinsame Erziehung von Mädchen und Jungen, ist heute eine selbstverständliche Erscheinung in unserem Bildungswesen. Seit der Bildungsreform in den 60er und 70er Jahren gibt es einen breiten bildungspolitischen Konsens darüber, dass mit einer geschlechterbewussten Erziehung geschlechtsstereotype Verhaltensweisen überwunden, Benachteiligungen insbesondere von Mädchen abgebaut und das gemeinsame gleichberechtigte Zusammenleben der Geschlechter gefördert werden sollen.

Obwohl die Bildungsreform die Bildungschancen von Mädchen deutlich steigerte, konnte die mit der Koedukation verbundene Leitvorstellung in Schule und Unterricht bisher nicht realisiert werden. Viele wissenschaftliche Untersuchungen haben in den 70er und 80er Jahren überzeugend darauf hingewiesen, dass durch einen unreflektierten koedukativen Unterricht geschlechtsstereotype Zuweisungen - vielfach auch unbewusst - weiterhin verstärkt und eine allseitige Entwicklungsförderung von Mädchen und Jungen verhindert wird.

Seit vielen Jahren ist Koedukation Gegenstand einer intensiv, teilweise kontrovers geführten pädagogischen Diskussion. Ohne den koedukativen Unterricht grundsätzlich in Frage zu stellen, gehen neue pädagogische Konzepte von einer kritischen Überprüfung und qualitativen Weiterentwicklung der Koedukation an Schulen aus.1995 forderten die Verfasser der Denkschrift der Kommission des Ministerpräsidenten von NRW "Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft" , eine reflexive Koedukation als unverzichtbares Element von Bildung in der Schule zu etablieren. Im Verständnis der Bildungs-kommission sollte im Schulalltag das Geschlechterverhältnis, das Miteinander von Mädchen und Jungen in Schule und Gesellschaft, bewusst und kritisch reflektiert und thematisiert werden. Koedukation soll stärker ein Gestaltungsprinzip von Unterricht und Schule werden.

Reflexive Koedukation im Sportunterricht ist grundlegendes Gestaltungsprinzip und soll alle pädagogischen Gestaltungen und die Praxis des Sportunterrichts daraufhin durchleuchten, ob sie die bestehenden Geschlechterverhältnisse eher stabilisieren, oder ob sie eine kritische Auseinandersetzung und damit ihre Veränderung fördern. Leitende Zielvorstellung ist die Entwicklung von Mädchen und Jungen umfassend und gleichwertig über die Grenzen der einengenden Geschlechtsstereotype in der Vielfalt der Körper-, Bewegungs- und Sportkultur zu fördern.

Konkrete Ziele sind:

  • Bewusstsein für die Gleichwertigkeit aller körper-, bewegungs- und sportbezogenen Inhaltsbereiche jenseits von Geschlechtergrenzen zu erreichen,

  • das nach hierarchischen Maßstäben in männlich und weiblich differenzierte Sportartenverständnis aufzuheben,

  • individuelle Unterschiede von Kindern und Jugendlichen unabhängig von ihrem Geschlecht in ihren Körper-, Bewegungs- und Sportpraxen zuzulassen und zu fördern,

  • Mädchen und Jungen gleichermaßen die ganze Vielfalt der Körper-, Bewegungs- und Sportkultur zu vermitteln,

  • den Dominanzanspruch von Jungen abzubauen zugunsten eines gleichberechtigten Sporttreibens und Sich-Bewegens,

  • der Tendenz zur Selbstbeschränkung und Anpassung bei Mädchen entgegen zu wirken und Mädchen zur Durchsetzung individueller Interessen zu ermutigen.

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Für die Gestaltung einer reflexiven Koedukation im Sportunterricht sind unter diesem Aspekt reflektierte und bewusste didaktisch - methodische Entscheidungen zu treffen, die der geschlechtspezifischen Körper- und Bewegungssozialisation Rechnung tragen und die das Geschlechterverhältnis selbst zum Thema machen. Das kann sowohl im gemeinsamen als auch im getrennten Sportunterricht erfolgen. Die Rahmenvorgaben und Lehrpläne für den Sportunterricht in Nordrhein - Westfalen haben den Ansatz einer reflexiven Koedukation aufgegriffen und an verschiedenen Stellen deutlich berücksichtigt. Es wird darauf hingewiesen, dass der Auftrag des Schulsports zur Entwicklungsförderung auch von bestehenden geschlechtstypischen Voraussetzungen und Erwartungen von Mädchen und Jungen auszugehen hat und dass über reflexive Koedukation als Gestaltungsprinzip von Unterricht rollenspezifisches Problembewusstsein geweckt und alternative Verhaltensmuster eingeübt werden sollen.

In den Lehrplänen Sport für die verschiedenen Schulformen der Sekundarstufe I wird die Bedeutung reflexiver Koedukation bei der Bestimmung der Aufgaben und Ziele des Schulsports, für die Gestaltung des Unterricht und für die Vermittlung spezifischer Inhaltsbereiche hervorgehoben. Für die Umsetzung koedukativer Zielsetzungen wird auch auf die Möglichkeit einer phasenweisen Trennung von Jungen und Mädchen hingewiesen. Schulsport soll darüber hinaus im Rahmen der Schulprogrammarbeit einen Beitrag zur überfachlichen Erziehungsaufgabe einer reflexiven Koedukation und geschlechterbewussten Bildung in der Schule leisten. Damit wird reflexive Koedukation auch Gestaltungsprinzip von Schule.

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Die vorliegenden Materialien zum Thema "Mädchen und Jungen im Sportunterricht" sollen zwei Funktionen erfüllen:

  • Als Handreichung für Sportlehrkräfte enthalten sie ein Konzept für eine geschlechterbewusste Erziehung im Sportunterricht und sie geben fachpädagogische und fachdidaktische Begründungen für eine Auswahl der für die reflexive Koedukation besonders bedeutsamen Praxisbereiche. In dieser Funktion beziehen sich die Materialien auf Aussagen zur reflexiven Koedukation in den Rahmenvorgaben für den Schulsport und in den Lehrplänen Sport für die verschiedenen Schulformen. Sie richten den Blick auf bewusste, reflektierte Entscheidungen bezüglich der Ziele, der Auswahl und didaktischen Aufbereitung von Inhalten für den Sportunterricht von Mädchen und Jungen. Ziel der Handreichung ist es daher, Anregungen und Hinweise für die Gestaltung des gemeinsamen Sportunterrichts von Mädchen und Jungen zu geben - insbesondere in den Schulformen der Sekundarstufe I. Dabei dürfen fächerübergreifende Ansätze gemeinsamen Lernens nicht vernachlässigt werden.
  • Als Fortbildungsmaterial (Materialien im Anhang, zusammenfassende Erläuterungen und Folienvorlagen in Kap. 1 und das Beispiel für eine Lehrerfortbildung in Kap. 2.4) kann es als Hilfe und Unterstützung für Moderatorinnen und Moderatoren im Rahmen schulinterner und regionaler Fortbildungen eingesetzt werden. Fortbildungen, in denen Lehrerinnen und Lehrer für Probleme von Mädchen und Jungen sensibilisiert werden und in denen sie ihre eigenen geschlechtsstereotypen Bilder und koedukativen Zielsetzungen überdenken und verändern können, leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Verankerung einer reflexiven koedukativen Praxis im Sportunterricht.