Fortbildung
- Partner:
- BR Arnsberg
- BR Detmold
- BR Düsseldorf
- BR Köln
- BR Münster
Chancen für fächerübergreifendes Lernen mit Bewegung
Schatztransporte mit dem Rollbrett - Bewegtes Lernen in Mathematik
- Die Bewegungsidee
- Grundlegende Anmerkungen - Mathematik und Bewegung
- Die Bewegungsaufgabe
- Der mathematische Aspekt der Bewegungsaufgabe
- Gesprächsanlässe
- Fazit und Alternativen
- Material
- Literatur
Vorbemerkungen
Die folgende Bewegungsidee wurde mit einer Klasse der 1. Jahrgangsstufe durchgeführt. Das gemeinsame Bewegen zweier Kinder mit dem Rollbrett vermittelt den Kindern elementare Erfahrungen im Fahren und Rollen und ermöglicht Könnenserfahrungen unter Berücksichtigung eines hilfsbereiten und verantwortungsvollen Umgangs mit Partnerinnen und Partnern (vgl. Lehrplan Sport Grundschule, 3.1.8).
Ausgangspunkt für die Bewegungsidee war die Suche nach Chancen und die Entwicklung von ersten Ansätzen für ein fächerübergreifendes Arbeiten und die Suche nach Möglichkeiten zur Erschließung eines mathematischen Sachzusammenhanges in und durch Bewegung (vgl. Lehrplan Sport Grundschule, 1, 2). Eine mathematische Lernchance eröffnet sich dabei in Hinblick auf die Entwicklung einer tragfähigen Zahlvorstellung sowie der handelnden Fundierung mathematischer Operationen.
Die übergeordnete didaktische Perspektive für dieses Unterrichtsvorhaben ist daher die Leitidee einer Bewegungsfreudigen Schule, in der es unter anderem um ein kindorientiertes, also bewegungsbetontes und damit ganzheitlich orientiertes Leben und Lernen geht (vgl. Rahmenvorgaben Schulsport, 1.1, 4.1, vgl. Lehrplan Sport Grundschule, 6).
Vor dem Hintergrund des partnerschaftlichen Bewegens mit dem Rollbrett unter Berücksichtigung eines vorgestalteten Parcours wenden die Kinder ihr Bewegungskönnen vielfältig an: anschieben, beschleunigen, bremsen, Kurven fahren, Hindernissen ausweichen, Sicherheitsregeln anwenden. Damit wird mit dieser Bewegungsidee auch der Aufgabenschwerpunkt Grundlegende Fähigkeiten zum adäquaten Umgang mit Gleit-, Fahr- und Rollgeräten erlernen und üben (vgl. Lehrplan Sport Grundschule, 3.1.8) verfolgt. Zentrale motorische und organisatorisch-soziale Lernvoraussetzungen für die Umsetzung der Bewegungsidee sind vielfältige Bewegungserfahrungen im Umgang mit dem Rollbrett, alleine und mit einer Partnerin/einem Partner, sowie die Kenntnis der notwendigen Sicherheitsregeln.
Die Bewegungsidee
Grundlegende Anmerkungen - Mathematik und Bewegung
Möglichkeiten für die Förderung mathematischer Fähigkeiten im Sportunterricht ergeben sich zum einen auf der Ebene allgemeiner Wahrnehmungsfähigkeiten. So werden z.B. bei allen Formen des Durcheinanderlaufens in der Halle die Orientierung im Raum - nicht mit Hindernissen bzw. Mitspielern zusammenstoßen - angesprochen. Beim Aufbau eines Gerätearrangements nach einer Vorlage ist dagegen die Wahrnehmung von Raum-Lage-Beziehungen zentral. Die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit wie auch räumliche Orientierungsfähigkeit sind wiederum beide von großer Bedeutung für das mathematische Denken. (vgl. Zoller 1996, 54f.)
Im Weiteren geht es aber primär um die Ebene, über Bewegung mathematische Zusammenhänge zu erschließen: Die Bewegungshandlungen auf und mit dem Rollbrett vermitteln einen mathematischen Sachverhalt, der durch die Bewegungstätigkeit auch nachhaltiger erschlossen werden kann.
Die Bewegungsaufgabe
Die Kinder bilden Paare, jedes Paar bekommt ein Rollbrett. Immer zwei Paare arbeiten als Schatzfahrerin/als Schatzfahrer zusammen. Eine Matte, der 'Palast', dient den vier Kindern als Ausgangspunkt für ihre Schatztransporte. Am Anfang liegen im Palast keine 'Schätze'. Auf der gegenüberliegenden Seite steht die 'Schatztruhe', ein umgedrehter kleiner Kasten, der mit zwanzig gleichen 'Schätzen' (Ringe, Bohnensäckchen, Steine, oder ...) gefüllt ist. Zwischen Palast und kleinem Kasten befinden sich zwei bis drei Pylonen, die die Transportwege zu einem Slalomkurs machen. Dies greift die bewegungstechnischen Vorerfahrungen der Kinder auf und erhöht zugleich ihre Motivation beim partnerweisen Bewegen mit dem Rollbrett.
Die vier Transporteure bekommen ihre Transportaufträge vom König in Form eines Stapels mit gehefteten, kleinen Zetteln, die nacheinander abgearbeitet werden. Jeder Zettel zeigt, wie viele Schätze jeweils zur Matte geholt (z.B. +20), bzw. zum Kasten zurückgebracht (z.B. - 10) werden sollen. Eine typische Folge von acht Zetteln wäre z.B.: +10, +6, -7, + 8, - 9, +10, -11, - 7. Somit wäre am Schluss wieder der Ausgangszustand - keine Schätze auf der Matte - hergestellt.
Bei den Transporten müssen jedoch stets zwei Regeln beachtet werden:
- Mit einem Rollbrett dürfen höchstens fünf Schätze transportiert werden!
- Die Schätze müssen auf der Matte so ausgelegt werden, dass der König schnell die Anzahl erkennen kann!
Der mathematische Aspekt der Bewegungsaufgabe
Die Bewegungshandlungen bestehen für die Kinder darin, partnerweise mit einem Rollbrett eine vorgegebene Anzahl von Kleinmaterialien zu holen bzw. wegzubringen. Mathematisch gesehen verkörpern diese Tätigkeiten zugleich additive (zur Matte hin) bzw. subtraktive (von der Matte weg) Operationen. Da die Transportaufträge stets größer als fünf sind, kommt es zwischen den Paaren zwangläufig zu Gesprächen wie: Wir haben schon fünf Schätze, nehmt ihr noch drei, dann haben wir acht! Wenn jeder fünf nimmt, dann fehlt noch einer. Wir müssen dann noch einmal mit einem Schatz fahren!
Diese Absprache- und Einigungsprozesse sind letztlich auch mathematischer Natur, denn die Verteilung der Schätze auf die Rollbretter sowie die Anzahl der Fahrten spiegelt den Aspekt der jeweiligen Zahlzerlegung wieder. Durch die erste Regel (maximal fünf Schätze) wird dabei die sog. Kraft der Fünf nahegelegt, die Kinder greifen aber auch auf andere individuelle Strategien zurück (z.B. Verdopplungsaufgaben wie 4+4=8). Entsprechend lässt sich ein Satz von Transportaufträgen auch sehr gut operativ strukturieren: 5+1, 5+2, 5+3, ... ; 3+3, 4+4, 5+5, .... .
Schließlich verweist die zweite Regel auf eine schnell ablesbare Darstellung der Schätze auf der Matte. Auch hier können die Kinder wieder handelnd auf die 'Kraft der Fünf' in Form der bekannten 20er-Feld-Anordnung zurückgreifen.
So werden in der Anordnung einerseits die Folgen der jeweiligen additiven bzw. subtraktiven Bewegungshandlungen sichtbar. Andererseits erfahren die Kinder die Anordnung als Erleichterung bei der Bewältigung der Bewegungsaufgabe. Sichtbar wird das z.B. daran, dass nach einiger Zeit die Kinder beim Zurückbringen von Schätzen (z.B. -7) häufig nicht mehr einzeln abzählend vorgehen, sondern gleich zerlegend unter Berücksichtigung der 5er-Sturktur: 5+2.
Umsetzung der Bewegungsidee
Zunächst bauen die Kinder selbstständig das Gerätearrangement auf. Als gute Orientierungshilfe hat sich dabei ein ausgelegter Hallenplan mit entsprechend angeordneten Gerätemodellen erwiesen. Praktikabel erscheint aber auch die Visualisierung durch eine einfache Skizze.
Zum Stundenbeginn wird eine Kombination von 'Musikstop-' und 'Atomspiel' gespielt. Während die Musik spielt, um- und überlaufen die Kinder die Hindernisse. Bei Musikstopp bilden die Kinder auf den Matten oder kleinen Kästen Kleingruppen, entsprechend der jeweils akustisch oder optisch angezeigten Gruppengröße. Die Kinder lernen so bereits mögliche Raumwege der folgenden Phase kennen und finden sich abschließend zwanglos zu den späteren Vierergruppen zusammen.
Eingebettet in die Bewegungsgeschichte wird zunächst der Fahrweg vorgestellt und von den Rollbrettpaaren erprobt (Start an der rechten Seite der Matte, im Slalom zum Kasten hin, um den Kasten herum, im Slalom zurück zur linken Mattenseite, um die Matte herum, Wechsel auf dem Rollbrett, ...). Auf diese Weise können die Kinder ihren ersten Bewegungsdrang stillen. Zudem lernen sie die Strecke unter vereinfachten Bedingungen kennen, was die anschließende Durchführung der eigentlichen Bewegungsaufgabe erleichtert. Nach einer eventuellen Besprechung aufgetretener Probleme - Wechsel der Positionen auf dem Rollbrett, Fahrverhalten - beginnt der eigentliche Schatztransport mit dem Verteilen der Schätze in die umgedrehten Kästen. Dieser wird wiederum eingebettet in die Geschichte vorgestellt und exemplarisch an ein bis zwei Transportaufträgen zusammen mit allen Kindern erarbeitet. Dabei geht es rein um den Bewegungsablauf, das Umgehen mit dem Zettelstapel sowie die Betonung der Einhaltung der Regeln.
Die eigentliche inhaltliche Ausgestaltung sollte auf jeden Fall dem entdeckenden Zugriff der Schatzfahrer an einer Matte in der anschließenden Durchführung überlassen werden, als da insbesondere wären: Einigung über die zu transportierenden Teilmengen und Anordnung der Schätze auf der Matte.
Hinweise sollten nur bei Nichteinhaltung der Regeln gegeben werden. So ist insbesondere damit zu rechnen, dass einige Paare ihre herantransportierten Schätze wahllos auf die Matte werfen, was aber häufig bereits vom zweiten Paar an der Matte thematisiert wird.
Gesprächsanlässe
Alleine durch eine genaue Beobachtung der Kinder und ihrer Gespräche bei der Lösung der Bewegungsaufgabe lassen sich schon viele fruchtbare Impulse für die abschließende Reflexion finden. Ausgangspunkt dafür sollte die exemplarische Vorstellung einzelner Bewegungslösungen sein. Mathematisch produktive Gesprächsanlässe bieten u.a.:
-
Gruppen, die im Laufe der Durchführung ihr Vorgehen - zuerst kaum Absprachen, dann gezieltere Vorausplanung und Verteilung - bewusst verändert haben: Man merkt, ein echtes Schatzfahrerteam. Jeder wusste genau, wie viele Schätze er transportieren musste. Am Anfang ward ihr euch da nicht so sicher!
- Gruppen, die zunächst Probleme mit der Einhaltung der zweiten Regel hatten: Zuerst hat sich der König aber bei euch beschwert!; oder: Das ging ja rasend schnell mit der Verteilung der Schätze im Palast. Am Anfang hattet ihr da erst viel mehr Mühe.
- Gruppen, die unterschiedliche Strategien bei der Zerlegung angewandt haben: Eine Gruppe hat die acht Schätze ganz anders aufgeteilt.
Häufig sind zusätzliche Gesprächsimpulse gar nicht nötig. Denn den Kindern, und darin zeigt sich die besondere Qualität eines Mathematiklernens in sinnvollen Handlungszusammenhängen in Verbindung mit Bewegung, fällt die Kommentierung und Einordnung der vorgestellten Bewegungslösungen recht leicht, da sie stets auf die eigenen, handelnd erfahrenen Bewegungserlebnisse zurückgreifen können.
Fazit und Alternativen
Sicherlich gaben mathematische Überlegungen den Anstoß für die Entwicklung der Bewegungsidee. Perspektiven des Übens und Verbessern von Bewegungsfähigkeiten und Fertigkeiten beim Fahren mit dem Rollbrett waren nicht Ausgangspunkt der unterrichtlichen Inszenierung. Aber ist dies bedeutend? Entscheidend ist doch letztlich, dass ein Ausgangspunkt für ein fächerübergreifendes Arbeiten gefunden wurde und der Versuch unternommen wurde, die originären sachlichen Besonderheiten der jeweiligen Fächer einerseits sowie die Bewegungsinteressen der Kinder andererseits jeweils gleichermaßen im Auge zu behalten.
Indem sich die Kinder auf die Rahmenhandlung der Geschichte eingelassen haben, fand die Lösung mathematischer Aufgabenstellungen in Verbindung mit Bewegung in für sie sinnvollen Zusammenhängen statt.
Material
jeweils vier Kinder an einer Transportbahn: zwei Rollbretter; eine Matte, ein kleiner Kasten, zwei bis drei Pylonen, zwanzig 'Schätze'
Literatur
Klupsch-Sahlmann, R.: Bewegte Grundschule. In: Die Grundschulzeitschrift 109/1997, S. 6 - 13
Zoller, I.: Mathematik und Bewegung im Anfangsunterricht. In: Zeitschrift sportpädagogik 5/96, S. 54 - 57
Fredon Salehian
Martin-Luther-Schule, Münster
Curriculumwerkstatt Münster




