Fortbildung

Partner:
BR Arnsberg
BR Detmold
BR Düsseldorf
BR Köln
BR Münster

 

 

Spielen in und mit Regelstrukturen - Sportspiele

In und mit Regelstrukturen spielen - Chancen für reflexive Koedukation

Vorbemerkung

Sportspiele sind Mädchen durch ihre spezifische Sozialisation in der Regel wenig erschlossen. Aufgabe des Sportunterrichts in der Grundschule muss es daher sein, Grundlagen dafür zu schaffen, dass alle, Mädchen und Jungen, sich im Umgang mit dem Ball verbessern und am gemeinsamen Spiel gleichberechtigt teilnehmen können. Im Lehrplan wird darauf verwiesen, dass für ein gelingendes Mit- und Gegeneinander im Regelspiel neben der Entwicklung von Sachkompetenz die Entwicklung sozialer Kompetenz von Bedeutung ist. Dies bedeutet konkreter:

  • Interessensbewusstsein, Selbstbehauptungsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen ist bei den Mädchen zu fördern,
  • Rücksichtnahme, Einfühlungsvermögen und Kooperationsbereitschaft bei den Jungen zu entwickeln.

Um diese Ziele zu verwirklichen, ist es notwendig, von einer technik- und fertigkeitsorientierten Spielvermittlung abzurücken. Im Zentrum sollte, insbesondere in der Grundschule, die Vermittlung einer allgemeinen Spielfähigkeit stehen, da Spielen am besten gelernt wird, indem Mädchen und Jungen selbst spielen. Die allgemeine Spielfähigkeit umfasst Fähigkeiten, die die Grundlage für alle Sportspiele bilden, wie ein Spiel in Gang zu setzen, es in seinem Verlauf zu sichern und bei Störungen wiederherzustellen. Dazu gehören auch speziellere Fähigkeiten wie Antizipationsfähigkeit, peripheres Sehen und Orientierungsfähigkeit im Raum sowie in komplexeren Spielsituationen. Grundlegende Ballfertigkeiten wie Passen und Fangen, aber auch taktische Elemente wie sich freilaufen, zum Anspiel anbieten, Lücken sehen etc., werden in Anwendungssituationen des Spiels geschult. Da diese Fähigkeiten bei Mädchen und Jungen unterschiedlich ausgeprägt sind, verlangt dies in der Praxis ein geschlechterbewusstes Vorgehen.

Im folgenden werden praktische Beispiele gegeben, kommentiert und mögliche Gesprächsanlässe in reflexiven Phasen des koedukativen Unterrichts vorgestellt. Die Blöcke 1-4 sind als thematische Schwerpunkte gedacht und nicht zwingend als aufeinander aufbauend zu lesen.

Zum Seitenanfang

Chancen für reflexive Koedukation

Eine Beziehung zum Ball und zum Partner/ zur Partnerin herstellen (Ballgrundschule)

Bewegungsaufgabe Kommentar Gesprächsanlässe

Ball an die Wand
Zwei Kinder sollen eine Spielform entwickeln, bei dem sie sich den Ball gegenseitig über ein Werfen an die Wand zuspielen.
Lösungsmöglichkeiten:

  • A wirft den Ball an die Wand, B fängt ihn nach einem einmaligen aufprellen auf dem Boden
  • wie oben, nur dass B den Ball direkt vom Abprellen von der Wand fängt
  • wie oben, B dreht sich um die eigene Achse, bevor der Ball gefangen wird

Aufgrund einer geschlechtsspezifischen Bewegungssituation ist die Spielform Ball an die Wand ein typisches Mädchenspiel. Hier können der unterschiedliche Umgang mit dem Ball von Mädchen und Jungen, der zu unterschiedlichen Zugang zu Bewegungsräumen als auch gesellschaftliche Ursachen Anlass zum Nachdenken und Austausch sein.

Mädchen und Jungen kommen mit unterschiedlichen Ballerfahrungen in die Schule. Woran liegt das? Welche öffentlichen Plätze werden von Mädchen und welche von Jungen genutzt? Woran liegt das?

Doppelzuspiel:
Zwei Kinder haben je einen Ball. Die Bälle sollen gleichzeitig geworfen und gefangen werden. (M&o

  • A und B einigen sich darauf, dass der Ball vorher den Boden berühren darf. D.h. die Bälle werden nach einem einmaligem Prellen auf den Boden gefangen.

  • Die Bälle werden so geworfen, dass A und B vor dem Fangen den Boden mit beiden Händen berühren.

  • so geworfen, dass A und B vor dem Fangen den Boden mit beiden Händen berühren.

    Mädchen spielen im allgemeinen viel seltener mit Bällen als Jungen. Durch die mangelnde Gelegenheit die Eigenschaften und Spielmöglichkeiten von Bällen zu entdecken, wird der Ball in der Regel nicht als motivierendes Spielgerät, sondern häufig als Wurfgeschoss wahrgenommen. Der Zugang zum Ball wird hier durch das Erproben unterschiedlicher Bälle erweitert. Negative Erfahrungen mit Bällen können so thematisiert und erweitert werden.

    Wie spielen Mädchen, wie Jungen am liebsten mit dem Ball? Wie nehmen Mädchen den Ball in sportspielspezifischen Kontexten wahr, die Jungen?

    Laufen Drehen Fangen:
    Zwei Kinder haben einen Ball. Der Ball soll in Vorwärtsrichtung hochgeworfen und nach einer Drehung um die eigene Achse gefangen werden.
    Lösungsmöglichkeiten:

    • A wirft den Ball in eine vorher bestimmte Richtung, B dreht sich um die eigene Achse und läuft dann dem Ball hinterher, um ihn zu fangen.

    • wie oben, nur dass die Partnerin/der Partner sich auf dem Boden vom Rücken auf den Bauch dreht und aus dieser Position startet, um den Ball zu fangen.

    Durch den Mangel an weitläufigen Bewegungsräumen haben zumeist mehr Mädchen als Jungen Probleme mit der Orientierung im Raum. Hier bieten sich grundsätzlich auch ohne Ball Spiele zur Raumwahrnehmung an.

    Welche Hilfen benötigen Mädchen, um sich im Raum besser orientieren zu können? Wieviel Raum braucht jede/jeder, um sich wohlzufühlen?

    Zum Seitenanfang

    Den Ball in Besitz nehmen und verteidigen (allgemeine Spielfähigkeit)

    Bewegungsaufgabe Kommentar Gesprächsanlässe

    Tigerball:
    4-6 Spieler/innen stehen im Kreis, zwei Verteidiger/innen bewegen sich im Kreis und versuchen, Bälle abzufangen.

    Mädchen lernen im allgemeinen, körperlichen Konfliktsituationen aus dem Wege zu gehen, nachzugeben, wenn Stärkere etwas von ihnen fordern. Einen Ball als Besitz anzusehen, ihn zu halten und zu verteidigen, erscheint ihnen häufig als unweiblich und wird daher eher gemieden.

    Was bedeutet Spielen für Mädchen, was bedeutet es für Jungen? Welchen Stellenwert hat das Spielen im Alltag? Wie lassen sich die Unterschiede erklären?

    Parteiball ohne Dribbeln:
    In einem vorgegebenen Feld wird 3-3 oder 4-4 gespielt, wobei es darauf ankommt, den Ball solange wie möglich in den eigenen Reihen zu halten.
    Variation: Nach zehnmaligem Zuspielen in den eigenen Reihen erhält das Team einen Punkt.

    Jungen lernen hingegen, Unterlegenheitsgefühle, körperliche Schmerzen und ƒngste zu unterdrücken. Ihr Zweikampfverhalten ist körperbetont und ruppig. Es gehört zu ihrer männlichen Rolle, sich den Mädchen gegenüber als überlegen und leistungsstärker darzustellen./TD>

    Welche ƒngste haben Jungen, welche Mädchen?

    Linienball:
    Zur Idee des Parteiballspiels kommt die Aufgabe hinzu, den Ball zielgerichtet zu spielen. Dies geschieht, indem jedes Team versucht, den Ball hinter der gegnerischen Grundlinie abzulegen.
    Variation: Das Ziel kann durch eine Matte oder einen umgedrehten kleinen Kasten verkleinert werden.

    Diese Spielformen verzichten auf das technisch anspruchsvolle Dribbling, um Zeit und Raum für die Konzentration auf den Mitspieler/die Mitspielerin zu eröffnen. Das technisch reduzierte Spiel legt den Schwerpunkt auf ein Miteinander, auf das gemeinsame Spiel von Mädchen und Jungen, d.h. Regeln in bezug auf den Abstand der Mit- und Gegenspielerinnen, der Einbeziehung aller, des Halten des Balles etc. müssen gemeinsam vereinbart werden.

    Welche Regeln werden benötigt, um ein gemeinsames Spiel von Mädchen und Jungen zu ermöglichen?

    Zum Seitenanfang

    "Nähe und Distanz" - Raum einnehmen und behaupten

    Bewegungsaufgabe Kommentar Gesprächsanlässe

    Zahlenspielreihe:
    Einstiegsspiel und durchgehendes Prinzip ist das Zahlen- oder Nummernpassen, das von mehreren Gruppen gleichzeitig ausgeführt wird. Dabei erhält jedes Mitglied den Ball zunächst in aufsteigender Reihenfolge, also 1 zu 2, 2 zu 3 usw. Wer gepasst hat, erhält die Zusatzaufgabe, ein Mal, das eine Spielfeldecke markiert, zu umlaufen oder auf einer der am Spielfeldrand liegenden Matte eine Rolle vorwärts auszuführen.
    Stufe 1: Zahlenpassen innerhalb der jeweiligen Teams
    Stufe 2: Zahlenpassen mit Verweigern
    Stufe 3: Zahlenpassen mit Abschluss (Wurf auf Zuruf)
    Stufe 4: Zahlenpassen mit Abschluss und Behinderung durch das gegnerische Team bis zum Spiel 3-3 auf einen Korb

    Ein besonderes Problem beim gemeinsamen Spiel von Mädchen und Jungen besteht in der geschlechtsspezifischen Aneignung von Räumen, das im "Spielüberblick zum Ausdruck kommt. Raum zu beanspruchen, breiten Raum einzunehmen und diesen zu behaupten, gilt in unserer Kultur als männlich. Mädchen müssen lernen, den Anspruch auf Raum und die Behauptung des eigenen Raumes nicht als unweiblich zu interpretieren. Es gilt hier zunächst, Spielformen zu finden, die eine Orientierung im Raum und zum Mitspieler/zur Mitspielerin erleichtern. Bei der Zahlenspielreihe haben alle gleiche Aufgaben bzw. die gleiche Anzahl Ballkontakte. Das Anspiel ist zunächst ohne Störung möglich. Kommen Gegner/Gegnerinnen hin-zu, müssen wieder entsprechende Regeln vereinbart werden.

    Was bedeutet für mich Raum einnehmen und behaupten? Welche Gefühle sind damit verbunden? Welche Räume stehen Mädchen, welche Jungen zur Verfügung?

    Zum Seitenanfang

    " Gegen die Regel ?!" - vom Umgang mit Regeln

    Bewegungsaufgabe Kommentar Gesprächsanlässe

    Vorgegeben wird eine Spielidee, z.B.: Spiel auf zwei Körbe, das von Mädchen und Jungen, sowie Starken und Schwachen auf eine Weise spielbar ist, dass jede und jeder chancengleich zum Zuge kommt. Es empfiehlt sich, unbekannte Spielgeräte zu verwenden, um nicht die Assoziation zu einem aus den Medien bekannten und damit vorgeprägtem Spiel zu wecken, z.B. die aus den Niederlanden stammenden Korfballständer.

    Die Entwicklung eines gemeinsamen Spiels kann dazu beitragen, dass nicht nur ein faires Spiel entsteht, das koedukative Zielsetzungen erfüllt. Vielmehr erhalten Schülerinnen und Schüler die Chance, sportliche und im weiteren Sinne auch gesellschaftliche Regeln, Werte und Normen nicht als "naturhafte" Gebilde zu begreifen, sondern als soziale Konstruktionen kritisch anzufragen und zu verändern.

    Welche Regeln sind notwendig für ein gleichberechtigtes Miteinander? Welche Verhaltensregeln für Mädchen und Jungen gibt es?

    Zum Seitenanfang

    Literatur:

    König, S.: Basketball - Ein Vermittlungskonzept für die Schule. In: Lehrhilfen für den Sportunterricht, 46 (1997), Heft 11, 161 - 169 Kugelmann, C.: Ein Spiel auch für Mädchen. In: Zeitschrift sportpädagogik 1 (1995), 58 - 64
    Müller, B.: Ball-Grundschule: Förderung von Ball-Fertigkeiten und koordinativen Fertigkeiten. Teil 1: Theoretische Einführung. Teil 2: bungssammlung. In: Lehrhilfen für den Sportunterricht 46 (1997), Heft 1, 1 - 8 und Heft 2, 27 - 32

     

    Gabriele Sobiech
    Carl-von-Ossietzky-Universität