Fortbildung
- Partner:
- BR Arnsberg
- BR Detmold
- BR Düsseldorf
- BR Köln
- BR Münster
Bewegen an Geräten - Turnen
Spielplatzerfahrungen als Ausgangspunkt für interessantes Balancieren im Sportunterricht
- Balancieren – ein interessanter Bewegungsanlass
- 1. Thema: "Wir balancieren auf dem Spielplatz"
- 2. Thema: "Wir bauen unsere Balancierstationen selbst!"<
- 3. Thema: "Wir erschweren unsere Balancierstationen!"<
- 4. Thema: Wir balancieren wieder auf dem Spielplatz
- Literatur
Das Spielplatzverhalten einer vierten Grundschulklasse verdeutlicht ein großes Interesse der Kinder am Balancieren in unterschiedlichen Situationen. Es zeigt aber auch, dass die Bewegungsmöglichkeiten zum Balancieren aufgrund der monofunktionalen und anregungsarmen Geräte auf einem Spielplatz oft eingeschränkt sind. Die Thematisierung des Balancierens im Sportunterricht bietet den Kindern die Möglichkeit, Balancierstationen zu bauen, zu erproben und entsprechend ihren Bewegungsbedürfnissen zu verändern. So ergibt sich die Chance, dass sich die im Sportunterricht erweiterten Bewegungserfahrungen zum Balancieren wieder auf das Spielen und Bewegen in der natürlichen Spielumwelt auswirken.
Balancieren – ein interessanter Bewegungsanlass
Balancieren heißt, seinen Körper im Gleichgewicht halten zu können. Das hat eine besondere Bedeutung bei allen sportlichen Handlungen und Bewegungen, insbesondere beim Turnen, aber auch beim Radfahren, Rollerfahren, Skateboardfahren, Rollschuh- und Schlittschuhlaufen, usw. (vgl. Maraun 1984).
Balancieren ist auch eine Grunderfahrung des menschlichen Bewegens. "Der Handlungssinn liegt in der Spannung zwischen 'Aus-dem-Gleichgewicht-Geraten' und 'Das-Gleichgewicht-Wiedergewinnen'. Das Bewegungserlebnis des 'In-der-Schwebe-Bleibens' wird umso intensiver, je mehr es gelingt, Rumpf und Glieder aus einer risikoreichen Lage wieder in die normale Körperlage einzupendeln und aus der gewonnenen Standfestigkeit heraus sich erneut aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen" (Maraun 1983, 83 f.).
Intensive Bewegungserlebnisse vermitteln Erfahrungen über den Körper und bereiten Freude. Es macht Spaß, auf einem Holzzaun, einer Sitzbank, einer kleinen Mauer, einer Rutschbahn, einem Rasenkantenstein oder den Flügeln eines Eisenstangenflugzeugs zu balancieren. Es ist gerade dann besonders spannend und freudvoll, wenn es nicht sofort gelingt, man wieder absteigen muß oder herunterfällt. Der Wunsch, auch schwierige Situationen meistern zu wollen, regt dazu an, etwas immer wieder zu tun, zu üben und zu verbessern, bis man mit sich und dem Erfolg zufrieden ist. Je schwieriger die Balancieraufgabe ist, desto intensiver ist auch das Bewegungserlebnis bei der Bewältigung der Aufgabe.
Interessante Balancierstationen verleiten zum Balancieren und geben so Raum für Bewegungserfahrungen und -erlebnisse. Im Unterricht müssen für die Kinder Möglichkeiten geschaffen werden, dies es zulassen, Balancierstationen so zu verändern, dass sie den individuellen Bedürfnissen der Balancierenden entsprechen.
Balancierstationen können unter diesem Gesichtspunkt folgendermaßen verändert werden:
- durch die Veränderung der Bewegungsart z.B. seitwärts oder rückwärts gehen, mit geschlossenen Augen, einbeiniges Hüpfen, Vierfüßlergang, ...
- durch die Veränderung der Sozialform z.B. mit einem Partner als Hilfe, mit einer Gruppe gleichzeitig, mit einem oder mehreren Partnern aneinander vorbei balancieren, ...
- durch das Aufstellen von Hindernissen z.B. über einen Medizinball, durch einen Reifen, über einen Stab, ...
- durch den Transport von Gegenständen z.B. einhändiges und beidhändiges Tragen von leichten/schweren Bällen, Ausbalancieren von Gegenständen wie Wurfring, Bohnensäckchen auf dem Kopf, ...
- durch die Veränderung des Gerätearrangements z.B. durch die Verlängerung der Balancierstrecke, durch die Verkleinerung des Balancieruntergrundes, durch Instabilität des Bewegungsuntergrundes, ...
Am Beispiel der folgenden Unterrichtsthemen soll aufgezeigt werden, wie Kinder auf der Grundlage ihrer Spielplatzerfahrungen Bewegungsstationen zum Balancieren in der Turnhalle erstellen, gemäß ihren individuellen Bewegungsbedürfnissen verändern und für vielfältige Balanciererfahrungen nutzen können.
1. Thema: "Wir balancieren auf dem Spielplatz"
Auf dem Spielplatz wurden die Kinder mit folgender Aufgabe konfrontiert: "Probiert aus, wo und wie ihr auf dem Spielplatz balancieren könnt!" Es zeigte sich, dass die Kinder zunächst sehr viele Möglichkeiten (Spielplatzgeräte wie Rutsche oder Eisenstangenflugzeug, aber auch Bänke und Mauern etc.) zum Balancieren fanden. Dabei wurde deutlich, dass viele Ideen zwar ausprobiert und zunächst als geeignet erschienen, sich auf Dauer jedoch als zu einfach und zu eintönig herausstellten (z.B. die Mauer und die Bank). Es wurden keine Versuche unternommen, Lösungen zu finden, die das Balancieren dort wieder interessanter machten. Die Kinder nannten ihre Balanciererfahrungen und beschrieben interessante Balanciergelegenheiten. Dabei wurden insbesondere solche Balancieraufgaben als reizvoll empfunden, deren Bewältigung immer wieder neue Anforderungen stellte. Dem Vorschlag, in der Turnhalle selbst solche Balancierstationen zu bauen, auszuprobieren und dann gegebenenfalls zu verändern, stimmten die Kinder gerne zu.
2. Thema: "Wir bauen unsere Balancierstationen selbst!"
In der Sporthalle erhielten die Kinder die Aufgabe: "Baut selbst Balancierstationen, die alle Kinder anschließend erproben und bezüglich ihrer Anforderungen bewerten sollen! Um Anregungen für den Bau von Balancierstationen mit den in der Halle vorhandenen Geräten zu geben und möglichst verschiedene 'Basisstationen' zu erhalten, wurden den Kindern auf Arbeitskarten Bau-Ideen (in Anlehnung an Maraun 1983, 85) vorgestellt, die in selbstgewählten Gruppen zu jeweils 4 oder 5 Kindern realisiert werden sollten.
| Arbeitskarte1: | ![]() |
| Arbeitskarte2: | ![]() |
| Arbeitskarte3: | ![]() |
| Arbeitskarte4: | ![]() |
| Arbeitskarte5: | ![]() |
Durch diese Vorgabe nutzten die Gruppen zunächst das Angebot der Arbeitskarten. Das Wissen um die Erprobung aller Stationen machte auch die Erstellung scheinbar weniger attraktiver Lösungen für die Kinder sinnvoll. Nach der Fertigstellung wurden alle Balancierstationen im Kreisbetrieb ausprobiert und in einem anschließenden Gespräch bewertet. Dabei zeigte es sich, dass einige Situationen einfach (kleiner Kasten und Bank) und andere Situationen schwieriger (Bank in den Ringen) zu bewältigen waren. Aber gerade die Schwierigkeiten machten den Reiz des Balancierens aus. So wurde der Vorschlag gemacht, alle Stationen so zu verändern, dass sie schwieriger und damit interessanter werden.
3. Thema: "Wir erschweren unsere Balancierstationen!"
Die erstellten Basisstationen sollten mit folgender Aufgabenstellung verändert werden: "Verändert eure Balancierstationen so, dass sie schwieriger und somit interessanter werden! Anschließend werden wieder alle Stationen erprobt und bewertet!" In einem einleitenden Unterrichtsgespräch wurden Kriterien besprochen, die das Balancieren leicht oder schwer machen. Die von den Kindern gefundenen Kriterien (vgl. oben (3), (4) und (5)) wurden auf einem Plakat (vgl. auch Maraun 1983, 86) festgehalten, das ihnen Hilfestellung für die Bewältigung der Aufgabe geben sollte. l
| leicht | schwer | ||
|---|---|---|---|
| breit | schmal | ||
| niedrig | hoch | ||
| gerade | schräg | ||
| fest | wackelig | ||
| kurz | lang | ||
| ohne Hindernisse | mit Hindernissen | ||
| ohne Transportgegenstände | mit Transportgegenständen |
Jede Gruppe erhielt dazu eine Liste mit den Geräten, die sie für die Veränderung benutzen konnte:
Gruppe 1: 2 schräge Bänke, 1 kleiner Kasten zusätzlich: 1 kleiner Kasten, 1 Kastenoberteil, 1 Langbank, 4 Medizinbälle und 10 Gymnastikstäbe
Gruppe 2: Reckstange auf Kastenoberteilen zusätzlich: 4 Kasteninnenteile, 1 großer Kasten, 1 Reckstange und 1 kleiner Kasten
Gruppe 3: Barren und Langbank zusätzlich: 1 Langbank, 1 kleiner Kasten, 2 Medizinbälle und 1 Reckstange
Gruppe 4: Bank in den Ringen zusätzlich: 2 kleine Kästen, 1 Reckstange und 2 Medizinbälle
Nach der Bauphase stellten alle Gruppen ihre Lösungen den anderen Kindern vor und begründeten anhand des Plakates die Veränderungen unter dem Aspekt der Erschwerung.
Anschließend wurden die neuen Balancierstationen im Kreisbetrieb erprobt. Vereinzelt fanden dabei - eher zufällig - auch Veränderungen der Bewegungsart und der Sozialformen (vgl. die weiter oben aufgeführten Veränderungsmöglichkeiten beim Balancieren) eine Berücksichtigung.
4. Thema: Wir balancieren wieder auf dem Spielplatz
Der erneute Spielplatzbesuch fand unter der Aufgabenstellung statt: "Probiert aus, welche Möglichkeiten ihr findet, Balancieren auf dem Spielplatz auch schwieriger und damit interessanter zu machen!" Die Kinder entdeckten schnell, dass sie Veränderungen des Gerätearrangements unter den in der Sporthalle erarbeiteten Kriterien nicht vornehmen konnten. Im Abfall gefundene Getränkedosen und mitgebrachte Tornister dienten auf dem Palisadenzaun und als Transportgegenstände. Diese Veränderungen reichten allerdings für eine durchgehende Bewegungsmotivation nicht aus. Das Balancieren stellte keine besonderen Anforderungen mehr an die Kinder.
Der Hinweis auf die Beobachtungen am Ende der vorausgegangenen Stunde eher zufälligen Veränderungen beim Balancieren in bezug auf die Bewegungsart und der Sozialform (vgl. die weiter oben aufgeführten Veränderungsmöglichkeiten beim Balancieren) veranlasste die Kinder, noch einmal auf dem Spielplatz neue interessante Balanciermöglichkeiten auszuprobieren. Die erhöhte Bewegungsmotivation führte zu dem Wunsch der Kinder, diese Balancierformen auch noch einmal am Gerätearrangement in der Sporthalle zu erproben.
Eine vergleichende Bewertung des Balancierens auf dem Spielplatz und an den eigenen Balancierstationen fiel jedoch zugunsten der eigenen Stationen aus. Hauptgrund dafür war, dass selbst erstellte und selbst veränderte Gerätearrangements einen höheren Aufforderungscharakter zum Balancieren besitzen. Die Möglichkeit, auf einem Spielplatz diesbezüglich aktiv zu werden, sahen die Kinder auf einem (leider von der Schule weit entfernten) Bau- und Abenteuerspielplatz, wo einige Kinder 'so etwa' in ihrer Freizeit ausprobieren wollten.
Literatur
Kretschmer, Jürgen: Wir bauen unseren Spielplatz selbst, in: Kretschmer, J.: Sport und Bewegungsunterricht 1-4, U&S-pädagogik: München/Wien/Baltimore 1981, 172 - 189
Maraun, Heide-Karin: Balancieren, in: TREBELS, A. H.: Spielen und Bewegen an Geräten, RORORO: Reinbek bei Hamburg 1983, 84-97
Maraun, Heide-Karin: Das Gleichgewicht halten - das Gleichgewicht aufs Spiel setzen, in: Zeitschrift sportpädagogik 8 (1984) 5, 10-21
Peter Maaß
Gemeinschaftsgrundschule an der Spindelstraße, Gelsenkirchen
Curriculumwerkstatt Münster









