Fortbildung
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Das Spielen entdecken und Spielräume nutzen
Spielgeschichten spielen
- Darstellung der Bewegungsidee
- Einführung mit vorstrukturierten Geschichten zum Thema Abenteuerreisen
- "Hagenunu" - Erweiterung der Planungskompetenzen bei der Entwicklung von Spielmöglichkeiten zu einer Bewegungsgeschichte
- Entwicklung und spielerische Umsetzung einer eigenen Spielgeschichte
- Literatur
Vorbemerkung
Bei der Durchführung des Sportunterrichts mit den Kindern des dritten Schuljahres fiel mir die große Motivation auf, mit der die vorhandenen Groß- und Kleingeräte für die Gestaltung und Erprobung einer Spiellandschaft genutzt wurden. Unter dem Rahmenthema Über tiefe Schluchten und reißende Ströme entwarfen und bauten die Kinder eine Bewegungslandschaft, erprobten sie zum vielfältigen Bewegen und entwickelten dazu spontane und fantasievolle Spielgeschichten. Die Geschichten wurden den anderen Kindern und mir erzählt und teilweise sogar vorgespielt.
Überraschend war für mich in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die große Freude beim Spielen auch noch im dritten Schuljahr vorhanden war. Um diese Freude weiterhin zu erhalten und auszubauen, wollte ich den Kindern Zeit und Raum zum Spielen im Sportunterricht schaffen und ihnen die Möglichkeit eröffnen, selbstständig Spielgeschichten zu planen und umzusetzen. Die Mädchen und Jungen sollten so die Gelegenheit erhalten, Spielräume zu entdecken und zu gestalten, Spielideen selbst zu entwickeln und eigene Spiele zu (er)finden. (vgl. Lehrplan Sport, 3.1.2)
Darstellung der Bewegungsidee
Einführung mit vorstrukturierten Geschichten zum Thema Abenteuerreisen
Durchgängiges Prinzip meines Unterrichts ist es, die Kinder auch an der Auswahl und Umsetzung der Themen für ihren Sportunterricht zu beteiligen. Auf Grund ihrer bisherigen Erfahrungen im Sportunterricht äußerten die Kinder (unter anderem) im Rahmen einer Befragung den Wunsch Spielen an und mit Geräten. Diesen Wunsch nahm ich als Anlass, meine Intention zur weiteren Planung und Ausgestaltung von Spielgeschichten an die Kinder heranzutragen.
In Anlehnung an die oben dargestellte Beobachtung bot ich deshalb den Kindern zunächst an, unter dem Rahmenthema Abenteuerreisen erneut eine Bewegungslandschaft zu erstellen und entsprechende Spielgeschichten zu entwickeln. Zur Einführung in die Thematik erhielten die Kinder dazu von mir Arbeitskarten mit vorbereiteten Unterthemen und ergänzenden Organisationshinweisen:
- Beinbruch in der Wüste
Ihr seid auf einer Forschungsreise in eine Steinwüste geraten. Ein Teilnehmer ist ausgerutscht und hat sich das Bein gebrochen. Wie könnt ihr ihn und euch retten?- Überlegt euch zuerst, wie ihr die Geschichte spielen wollt.
- Baut dann die Steinwüste auf.
Für die Wüste dürft ihr kleine Kästen, große Kästen und Medizinbälle benutzen.
Für eure Ausrüstung dürft ihr alle Kleingeräte benutzen. - Verteilt die Rollen und übt die Geschichte.
- Braucht ihr beim Vorstellen einen Erzähler oder nicht?
- Gipfelstürmer
Ihr wollt mit euren Freunden einen Berg im Himalaja besteigen. Auf dem Weg zum Gipfel lauern überall Gefahren. Was könnte alles passieren?- Überlegt euch zuerst ,wie ihr die Geschichte spielen könnt.
- Baut dann den Berg auf.
Für den Berg dürft ihr die Kletterwand, einen Barren, zwei Bänke und kleine Kästen benutzen.
Für eure Ausrüstung dürft ihr alle Kleingeräte benutzen. - Verteilt die Rollen und übt die Geschichte.
- Braucht ihr beim Vorstellen einen Erzähler oder nicht?
- Verkehrsunfall
Beim Joggen ist ein Kind aus eurer Gruppe von einem Auto angefahren worden. Der Verletze muss (mit einem Krankenwagen?) sofort in ein Krankenhaus. Wie könnte die Geschichte weiter gehen?- Überlegt euch zuerst, wie ihr die Geschichte spielen könnt.
- Baut dann zusammen, was ihr für eure Geschichte braucht!
Für den Krankenwagen und das Auto könnt ihr insgesamt vier Rollbretter benutzen.
Für eure Ausrüstung dürft ihr alle Kleingeräte benutzen. - Verteilt die Rollen und übt die Geschichte.
- Braucht ihr beim Vorstellen einen Erzähler oder nicht?
- Flugzeugabsturz
- Ihr fliegt mit eurer Gruppe im Flugzeug. Plötzlich stürzt das Flugzeug ab und ihr müsst mitten in einem Sumpf notlanden. Der Sumpf ist voller gefräßiger Krokodile. Um euch zu retten, müsst ihr aus den Flugzeugteilen ein Boot bauen.
- Überlegt euch zuerst, wie ihr die Geschichte spielen könnt.
- Baut dann das Flugzeug auf.
Für das Flugzeug dürft ihr zwei Bänke und Kastenteile benutzen.
Für eure Ausrüstung dürft ihr alle Kleingeräte benutzen. - Verteilt die Rollen und übt die Geschichte.
- Braucht ihr beim Vorstellen einen Erzähler oder nicht?
Bei den Überlegungen für die Bewältigung der Aufgabe benannten alle Gruppen Führungspersonen: Expeditionsleiter, Polizist, Flugkapitän und Bergführer. Erstaunlich war, dass die von den Kindern vorgenommene Rollenverteilung auch Auswirkungen auf die folgende Gruppenarbeit hatte. Das Kind, das die Rolle der Führungsperson übernommen hatte, war plötzlich für den Planungsprozess verantwortlich und wurde von allen anderen Kindern akzeptiert.
Die Motivation bei der Umsetzung der Ideen war genauso groß wie beim ersten Rahmenthema.
"Hagenunu" - Erweiterung der Planungskompetenzen bei der Entwicklung von Spielmöglichkeiten zu einer Bewegungsgeschichte
Auf der Grundlage des Bewegungsspiels Hagenunu (siehe Mehr Bewegung in die Schule, 1998) schlug ich den Kindern vor, mit der gesamten Klasse ein Spiel gemeinsam zu planen und umzusetzen. Für die einzelnen Situationen der Geschichte ( Zelt, Lager, Brücke, Sumpf, Berge, Bäume, Wald, Kakaokuh...) wurden geeignete Geräte ausgesucht und in einen Hallenplan eingetragen.
Bei den ersten Spielversuchen wurde die Geschichte dahingehend verändert, dass eine gestohlene Kakaokuh von den Schwarzfuß-Indianern wieder zurückerobert werden sollte und somit eine Verlängerung der Geschichte erzielt wurde.
Die Ausstattung der kleinen Indianer bestand hauptsächlich aus Hockeyschlägern, die je nach Situation als Pferd oder Gewehr eingesetzt wurden. Nach der Rollenverteilung und der Erstellung der einzelnen Stationen begann das Spiel, in dessen Verlauf die Kakaokuh (ein auf Rollbretter gestelltes Pferd) ein ums andere Mal in das jeweilige Lager entführt und gemolken wurde.
Auch am Ende dieser Einheit machten die Kinder deutlich, dass sie diese Art des Spiels weiterverfolgen wollten.
Entwicklung und spielerische Umsetzung einer eigenen Spielgeschichte
Im Sprachunterricht regte ich an, dass die Kinder doch einmal versuchen sollten, eigene Geschichten zu schreiben, die dann im Sportunterricht gespielt werden sollten. Diese Anregung stieß auf eine große Begeisterung, so dass sofort mit der Schreibaufgabe begonnen wurde. Aus der Vielzahl an unterschiedlichen Ideen wurde eine Indianergeschichte von Fabian ausgewählt, die er zu Hause fertiggestellt und sogar mit Regieanweisungen versehen hatte.
Zwei Krieger der Shawnee erkunden die Landschaft um ihr neues Lager. In einer Berghöhle finden sie Gold. Sie freuen sich sehr über ihren Fund. Sie sammeln alles, was sie finden können, ein und bringen das Gold in ihr Lager, wo sie es dem Häuptling übergeben. Der ganze Stamm führt einen Freudentanz auf. Dabei merken sie nicht, dass sie von einem Späher der Kree beobachtet werden, der sich inzwischen lautlos wie eine Katze an ihr Lager geschlichen hat.
Nach einer Weile haben die Shawnee ihren Freudentanz, der von wilden Sprüngen und lautem Gesang begleitet wurde, beendet und sich zum Schlafen hingelegt. Nur zwei Wachen, die den Goldschatz hüten sind noch wach.
Der Späher schleicht in das Lager der Kree zurück. Dort schlafen auch alle. Doch der Späher weckt den Häuptling und berichtet von dem Schatz, den die Kree gefunden haben. Der Häuptling beschließt, dass sie den Shawnee das Gold abjagen wollen. Da sie aber nicht genug Krieger haben überlegt er hin und her, mit wem sie sich verbünden könnten. Da die Bleichgesichter auch immer nach dem gelben Steinen gieren, beschließt der Häuptling sich mit den Cowboys zu verbünden. Ein Bote wird in den Saloon geschickt (wo die Cowboys trinken und mit Karten spielen), um die Bleichgesichter in das Lager Kree einzuladen. Nach einem wilden Ritt trifft er im Saloon ein und erzählt den Cowboys vom Angebot des Häuptlings.
Als die Bleichgesichter hören, dass es sich um Gold handelt, sind sie sofort bereit, in das Lager der Kree zu kommen. Bei einer Friedenspfeife wird der Pakt gegen die Shawnee geschlossen und sie machen sich auf den Weg, das Lager der Shawnee zu überfallen.
Im Lager der Shawnee schlafen alle ganz friedlich. Nur ab und zu hört man ein Schnarchen oder jemanden, der einen unruhigen Traum hat. Die zwei abgestellten Wachen gehen ruhig umher und horchen in die Stille der Nacht. Die Kree und die Cowboys schleichen sich vorsichtig an die Wachen heran. In einem günstigen Moment werden beide Wachen überwältigt, ohne dass ein Laut über deren Lippen kommen kann. Die Wachen werden gefesselt und geknebelt. Vorsichtig schleichen die Verbündeten durch das Lager der Shawnee. Endlich finden sie den Goldschatz, stehlen sich aus dem Lager der Bestohlenen und machen sich leise auf den Weg in das eigene Lager. Dort angekommen feiern sie ein rauschendes Fest und tanzen den Rest der Nacht hindurch bis lange in den nächsten Tag.
Am nächsten Morgen wachen die Shawnee auf, sie recken und strecken sich und gähnen, was das Zeug hält. Plötzlich merkt der Häuptling, dass der Schatz verschwunden ist und sie bestohlen wurden. Alle sind sehr aufgeregt und rufen durcheinander. Die gefesselten Wachen werden gefunden und nachdem sie von Fesseln und Knebel befreit wurden, berichten sie atemlos, dass sie von den Kree und den Cowboys überfallen wurden. Die Shawnee Krieger werden ganz wild und greifen zu ihren Waffen, um sofort das Lager der Kree zu überfallen. Der Häuptling mahnt seine Krieger zur Ruhe und schickt zunächst einmal einen Späher zum Lager der Kree.
Der Späher macht sich auf den Weg und schleicht zum Lager der Kree. Dort sieht er die Feiernden und auch den Goldschatz. Als er genug gesehen hat, schleicht er zum Lager der Shawnee zurück. Dort angekommen berichtet er dem Häuptling und den Kriegern, die inzwischen schon das Kriegsbeil ausgegraben und sich für den Kriegspfad vorbereitet haben. Der ganze Stamm macht sich auf zum Lager der Kree. Dort angekommen entsteht ein heftiger Streit um das Gold zwischen den Häuptlingen. Kurz darauf liegen schon alle in Deckung und eine wilde Schießerei beginnt. Als der Häuptling der Shawnee erschossen wird und mit einem markerschütterndem Schrei zu Boden fällt, schwenkt der Sohn des Häuptlings eine Weiße Fahne. Die wilde Schießerei wird eingestellt, der Häuptling der Kree und der neue Häuptling der Shawnee halten ein Palaver ab. Sie einigen sich darauf, das Gold zu teilen und nunmehr in Frieden miteinander zu leben. Die Häuptlinge bringen die Botschaft zu ihren Stämmen. Die Krieger sind mit der Einigung einverstanden und alle Nicken freundlich.
Um den Friedensvertrag zu besiegeln und das Gold aufzuteilen, beginnt im Lager der Kree ein großes Fest, mit vielen Getränken und wilden Tänzen um das Lagerfeuer.
Bereits im Klassenraum erfolgte eine genaue Festlegung des Handlungsablaufs, die Verteilung der einzelnen Rollen und die Planung des Geräteaufbaus. Der Geräteaufbau und die jeweiligen Laufwege der Späher, Krieger, ... wurden auf einem großen Hallenplan aufgeklebt bzw. eingezeichnet, der anschließend mit in die Halle genommen wurde, so dass die Kinder immer wieder ihre Laufwege und den Geräteaufbau überprüfen konnten.
In der nächsten Sportstunde verwandelte sich die Halle in eine Spiellandschaft aus dem wilden Westen. Neben dem Lager der Kree (großes Zelt aus einem Schwungtuch über ein Tor und Basketballständer gespannt) gab es das Lager der Shawnee (Pueblo aus großen und kleine Kästen mit einem Weichboden darüber) und einen Saloon mit Tresen und Pokertischen (große und kleine Kästen, Medizinbälle, Holzkeulen als Whiskeyflaschen auf den Pokertischen). Zwischen den beiden Lagern gab es eine Schlucht (Barren mit eingehängten Bänken), einen Sumpf (Weichboden mit aufgelegten hölzernen Halbkugeln), einen Wald (Fahnenstangen), einen Fluss mit einer wackeligen Brücke (kleine Matten auf Rollbrettern) und ein Gebirge (Bodenläufer mit kleinen Kästen darunter). Mit Kleingeräten wurde die Spiellandschaft und die Ausrüstung der Kinder vervollständigt: aus grünen Parteibändern wurden Blätter und Schlangen, aus Pylonen mit roten und gelben Tüchern wurden Lagerfeuer, aus Hockeyschlägern wurden Gewehre und Pferde, aus Keulen wurden Pistolen, Flaschen, Messer, das Kriegsbeil und Friedenspfeifen,...
Nachdem alle Kinder gemäß ihrer Rolle ausgestattet und der Handlungsablauf anhand der Geschichte, der vorgenommenen Rollenverteilung und der Besprechung der Laufwege mittels des erstellten Hallenplans noch einmal durchgesprochen war, konnte das Spiel beginnen. Zu beobachten war, dass die Kinder sehr in ihr eigenes Spiel vertieft waren und ihrer Fantasie in der selbst gestalteten Spiellandschaft freien Lauf ließen. Erstaunlich war für mich dabei die Einhaltung einer äußersten Disziplin in ruhigen Phasen des Spiels: Kinder, die gerade nicht an der aktiven Handlung beteiligt waren, warteten ruhig und ohne Störungen auf den weiteren Verlauf. Probleme entstanden im Spiel beim großen Kampf der beiden Stämme. Hier entwickelte sich eine wilde Schießerei, die nur schwer zu bremsen und von den teilnehmenden Kindern zu steuern war, so dass eindeutigere Verhaltensregeln besprochen werden mussten. Kritisch wurde von den Kindern auch das Bewegungsverhalten einzelner Schauspieler (das Anschleichen erfolgte zu sorglos, beim Schlafen schauten immer einige auf, ...) bewertet.
Wir können unsere Geschichte doch einer anderen Klasse vorspielen. Aber dann müssen wir noch etwas Üben und einige Stellen überarbeiten! Stefanies Anregung wurde begeistert aufgenommen, die Spielhandlung in den folgenden Stunden ausgefeilt und die gesamte Spielgeschichte der Klasse 3c vorgespielt.
Literatur
Gemeindeunfallversicherungsverband Westfalen-Lippe u.a. (Hrsg.): Mehr Bewegung in die Schule, Seelze 1998
Keller, Reinhard/Fritz, Annemarie: Auf leisen Sohlen durch den Unterricht, Schorndorf 1995
Harald Steiner
Gemeinschaftsgrundschule an der Josefstraße, Herten
Curriculumwerkstatt Münster




