Fortbildung
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Den Körper wahrnehmen und Bewegungsfähigkeiten ausprägen
Was unsere Füße alles können!
- Darstellung der Bewegungsidee
- Einstieg in die Thematik
- Im Sportunterricht
- Intensivierung der Erfahrungen im Rahmen eines Stationsbetriebs
- Ausblick
- Literatur
Vorbemerkung
Eine grundlegende Orientierung für die Umsetzung der folgenden Bewegungsidee lässt sich aus der Pädagogischen Perspektive "Wahrnehmungsfähigkeit verbessern, Bewegungserfahrungen erweitern" ableiten. "Bewegung ist der fundamentale Zugang zur Erfahrung des Selbst und der Welt. Der erkundende, spielerische Umgang mit der materialen Umgebung und die Erschließung von Körpererfahrungen durch Bewegung gehören daher ebenso in den Sportunterricht aller Schulstufen wie die Einweisung in funktionale Bewegungstechniken des Sports. Mit dem individuellen Bewegungsrepertoire entwickeln sich zugleich die Wahrnehmung der Welt und des eigenen Körpers. ... " (vgl. Rahmenvorgaben Schulsport, 1.2)
Eine bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers setzt eine intensive Auseinandersetzung mit ihm voraus, die häufig dann zu besonders beeindruckenden Ergebnissen führen kann, wenn dabei Aspekte in den Vordergrund rücken, die sonst eher selten Zentrum der Aufmerksamkeit sind. So wird beispielsweise die Bedeutung der Sinnesleistung der Augen gerade durch ihr Ausschalten (--> Lösung von Aufgaben mit geschlossenen Augen) hervorgehoben. Bei der folgenden Bewegungsidee stehen deshalb die Füße im Mittelpunkt der Auseinandersetzung, da sie häufig nur zum Gehen benutzt werden und sich Kinder, aber auch viele Erwachsene ihrer vielfältigen Fähigkeiten nicht bewusst sind.
Für die Kinder der ersten Klasse sollte dabei zunächst im Vordergrund stehen, ihr Interesse an einem Körperteil zu wecken, der vielfach vernachlässigt und häufig in Schuhen versteckt wird. Die Erfahrung der vielfältigen Bewegungsmöglichkeiten und Fähigkeiten der Füße, eigentlich alles zu können, was die Hände auch können (Alltagshandlungen) sollte einen Aha – Effekt bewirken, der zu einer weiteren Auseinandersetzung motiviert.
Darstellung der Bewegungsidee
Einstieg in die Thematik
An einem warmen Frühlingstag fand unsere regelmäßige Bewegungspause auf einer zum Schulhof gehörenden und zu dieser Zeit noch feuchten Wiese statt. Ich bat die Kinder, Sprungseilchen in unterschiedlichen Kreisformen auszulegen. Sie sollten Pfützen darstellen, um die die Kinder anschließend im Rahmen einer Bewegungsgeschichte gehen, laufen und hüpfen sollten. Einige Kinder wollten dazu ihre Schuhe ausziehen, ... weil es sonst so rutschig ist!. Dieser Idee folgten sofort fast alle übrigen Kinder. Die erste Berührung mit der feuchten Wiese stellte dabei überhaupt kein Problem dar. Bei der Bewältigung der durch die Bewegungsgeschichte angeregten Bewegungsaufgaben durfte dann natürlich der obligatorische Sprung in die Pfütze nicht fehlen und das pantomimische und freudvolle Spritzen mit dem unsichtbaren Wasser ließ nicht lange auf sich warten. (Bewegungsidee Pfütze entnommen dem Buch: Mehr Bewegung in die Schule, Seelze 1998)
Die positiven Rückmeldungen der Kinder zu dieser Bewegungsidee, insbesondere auch zu der Möglichkeit, barfuß laufen zu dürfen ("Der Rasen kribbelt so schön an meinen Füßen." "Die Wiese war ja noch ganz nass! Das macht Spaß, darauf zu laufen." "Beim Laufen wurden meine Füße ganz warm."), waren dann Anlass für mich, eine Unterrichtseinheit zu planen, bei der die Füße im Mittelpunkt stehen sollten. Ziel sollte dabei sein, dass die Kinder ihren Körper (in diesem Fall einen Teil ihres Körpers) bewusster wahrnehmen und die angenehmen aber auch individuell als unangenehme Empfindungen erfahren, um so auf einen verantwortungsbewussten Umgang mit ihrem Körper vorbereitet zu werden.
Im Sportunterricht
Anknüpfend an die Erfahrungen der Bewegungspause bat ich die Kinder, auch in der folgenden Sportstunde, die auf Grund der Wetterlage in der Sporthalle durchgeführt werden musste, ihre Schuhe und Strümpfe auszuziehen und die eigenen Füße zunächst einmal zu erfühlen. Hierbei wurden natürlich die unterschiedlichen Fußgrößen bemerkt, auch das "lustige" Aussehen der großen und kleinen Zehen festgestellt aber auch die Kälte bzw. das Schwitzen der Füße angesprochen. Meine Füße fühlen sich ziemlich kalt an!, Irgendwie sind meine Füße etwas feucht! Wenn ich hier jetzt sitze, werden sie auch kalt. Schnell kam der Vorschlag, dass sich die Füße bewegen müssen, ... dann frieren sie auch nicht mehr.
"Wir können ja unser Begrüßungsspiel heute einmal mit den Füßen spielen!" Mein Vorschlag wurde freudvoll aufgegriffen und so liefen die Kinder zu Musikbegleitung zunächst kreuz und quer in der Halle durcheinander. Bei Musikstopp erhielten sie die Aufgabe, die Füße anderer Kinder zu begrüßen, das heißt, sie mal mit den Zehenspitzen, dann mit der Hacke, der Fußsohle ... zu berühren.
Das anschließende Gespräch begann dann wieder mit dem Erfühlen der Füße und der Feststellung, dass sie nach dem Laufen schön warm waren. Das Begrüßen der anderen Kinder war am Anfang ganz komisch!", Michael hat mich dabei fast getreten. Das war aber keine Absicht!" Wenn ihr euch ganz langsam und vorsichtig bewegt, tut die Begrüßung auch nicht weh!" Mir hat das in dieser Form viel Spaß gemacht. Man musste ganz vorsichtig sein und manchmal hat das auch gekitzelt!" So haben die Kinder durch ihre Äußerungen bereits in dieser Phase zum Ausdruck gebracht, dass es sehr ungewohnt ist, die Füße in Situationen zu nutzen, die sonst nur den Händen vorbehalten sind.
Intensivierung der Erfahrungen im Rahmen eines Stationsbetriebs
Im weiteren Verlauf schlug ich vor, ...in der heutigen Sportstunde einmal alles nur mit den Füßen zu machen!" Dazu wurden zunächst einige auf Arbeitskarten vorbereitete Stationen unter der Thematik "Ein ganz normaler Tag zu Hause!" von den Kindern aufgebaut. Mit der Aufgabenstellung Achtet einmal darauf, was eure Füße alles machen können! begannen die Kinder die verschiedenen Aufgaben nur mit ihren Füßen zu lösen:
- Einen Einkaufszettel schreiben!
Mit einem dicken Wachsmaler wurden einige ausgewählte Wörter (Butter, Milch, Eier, ... ) auf eine Tapetenrolle geschrieben und anschließend mit dem eigenen Namen unterschrieben. - Durst löschen!
Leere Kunststoffflaschen wurden mit den Füßen aus einer Getränkekiste geholt, aufgedreht und dann leer getrunken. Anschließend wurden die Flaschen wieder erschlossen und zurückgestellt. - Einen hohen Turm bauen!
Farbige Holzbauklötzen wurden zu einen möglichst hohen Turm aufeinandergestellt. - Zimmer Aufräumen!
Umherliegende Zeitungsschnitzel wurden in einen Mülleimer (umgedrehter kleiner Kasten) gelegt. - Blinde Kuh!"
Mit geschlossenen Augen wurden aus einer Vielzahl von Gegenständen drei (von einer Partnerin/einem Partner ausgewählte) Gegenstände mit den Füßen erfühlt und dann erraten. (z.B. Legosteine, Schwämme, Stifte, Blätter, ...) - In Ziele werfen!
Bohnensäckchen mit dem Fuß in einen umgedrehten kleinen Kasten werfen. - Wäsche falten!
Stofftücher mit den Füßen möglichst klein zusammenfalten.
Nach Beendigung der Arbeit äußerten sich die Kinder verwundert, dass sie ganz viele Tätigkeiten mit den Füßen ausgeführt haben, die sie sonst nie damit machen würden: Spielen, Schreiben, Wäsche falten, Aufräumen, ... Die benannten Tätigkeiten wurden auf einen großen, aus Packpapier ausgeschnittenen Fuß geschrieben. Daneben wurde dann eine, ebenfalls aus Packpapier ausgeschnittene Hand gehängt. Dort wurden Tätigkeiten notiert, die mit der Hand ausgeführt werden können. Für die Kinder war es erstaunlich: "Wir können mit den Füßen alles machen, was wir auch mit den Händen machen können!" "Ja, aber es ist alles viel anstrengender, als wenn wir das mit den Händen machen!" "Auf den Füßen kann man laufen. Das geht auf den Händen nicht!" "Das stimmt nicht! Ich habe schon einmal gesehen, dass jemand auf den Händen laufen konnte. Das geht also auch. Das ist aber etwas, dass die Füße besser können als die Hände !"
Am Ende der Sportstunde bat ich die Kinder, die aufgebauten Stationen doch einmal nur mit den Füßen wieder abzubauen ... !
Ausblick
Nach diesem für die Kinder überraschenden Ausgang wurde immer wieder der Wunsch geäußert, doch weiterhin die Füße zum Thema zu machen. So wurden noch weitere Unterrichtsstunden gestaltet, bei denen die Füße im Mittelpunkt standen und unterschiedliche Intentionen verfolgt wurden: Aufgabenstellungen zur Beweglichmachung und Kräftigung der Füße und Aufgabenstellungen zur Wahrnehmung unterschiedlicher Untergründe sowie zum Balancieren (beim Balancieren zogen die Kinder ohne Aufforderung Schuhe und Strümpfe aus) wurden freudvoll bewältigt.
Auch in den anderen Fächern ergaben sich vielfältige Möglichkeiten, die hohe Motivation bei der Erkundung und Nutzung der Füße zu verstärken: So wurden im Kunstunterricht die Fußsohlen mit Wasserfarbe bemalt und anschließend Fußabdrücke produziert. Einzelne Fußabdrücke dienten dann als "Körper" dazu, weiter ausgestaltet zu werden: zu Prinzessinnen, Feuerwehrautos, Drachen ...! Andere Fußabdrücke wiederum wurden ausgeschnitten und zu einer Fußblume zusammengelegt, die neben der Hand und dem Fuß aus der ersten Unterrichtseinheit in der Sporthalle noch lange im Klassenraum ausgestellt wurden.
Die große Begeisterung an dieser Thematik führte schließlich dazu, dass unsere Klasse auf dem Schulfest zum Schuljahresabschluss eine "Fußfühlstraße" betreute, die dann die Eltern und die übrigen Kinder der Schule barfuß durchlaufen konnten.
Literatur
Liebisch, Reinhard/Dannhauer, Gabi: Bewegung hält die Füße fit, in: Bundesarbeitsgemeinschaft zur Förderung Haltungs- und Bewegungsauffälliger Kinder und Jugendlicher e.V. (Hrsg.): Tips und Tops für eine ganzheitliche Bewegungsförderung im Grundschulalter, Mainz 1995
Gemeindeunfallversicherungsverband Westfalen-Lippe u.a. (Hrsg.): Mehr Bewegung in die Schule, Seelze 1998
Peter Maaß Gemeinschaftsgrundschule an der Spindelstraße, Gelsenkirchen Curriculumwerkstatt Münster




