Schulsportentwicklung

 

Quietschfidellogo als Bild

Dokumentation der Fachtagung "Schwimmen in der Schule"

 

 

G. Volck
Schulisches Schwimmen heute - Versuch einer Standortbestimmung

Bevor ich auf die eigentliche Thematik meines Vortrages zu sprechen komme, erlauben Sie mir zu Beginn meiner Ausführungen einen kleinen Rückblick auf die Ziele und Inhalte des schulischen Schwimmens. Es soll zeigen, dass vieles von dem, was wir anstreben und vereinzelt auch umsetzen, bereits seit längerem gefordert wurde und dass wir völlig neue Konzepte eigentlich nicht benötigen.
Wirft man einen Blick in die Rahmenrichtlinien der 1970er Jahre, so wird sehr schnell erkennbar, dass Ausrichtungen wie auch Argumentationsmuster zum Schwimmunterricht vornehmlich auf die Verbesserung der Leistung (Zeit) in den vier Schwimmarten mit ihren Starts und Wenden zielten. Auch in den Methodikschriften, die sich stets als Anleitungen für Schule und Verein verstanden und sich somit an Lehrer und Übungsleiter/ Trainer wandten, wird Schwimmen in diesem Zeitraum als Technikschulung verstanden, andere Aktivitäten wie Wasserball, kleine Spiele oder das Springen erscheinen - wenn überhaupt - als vorbereitende Übungen oder Randerscheinungen. Ein eigenständiger Wert bzw. eine eigenständige Bedeutung wurde ihnen kaum zugesprochen.
Angedeutet wurde in den einschlägigen Schriften verschiedentlich die gesundheitliche Bedeutung, ohne allerdings näher darauf einzugehen und das Rettungsschwimmen, hier allerdings mit zum Teil konkreten Umsetzungsvorschlägen.
Ab Mitte der 70er Jahre setzte ein Wechsel der Begriffe und Argumentationsmuster in der didaktischen Diskussion um den Schulsport ein. Der Sportunterricht wurde mit der Leitidee der Handlungsfähigkeit verbunden. Nicht mehr das Schwimmen als "Sportart" galt es zu vermitteln, sondern das Schwimmen als "Sport- und Bewegungsbereich". Dahinter standen folgende Gedanken:
Der Schulsport - so auch der Schwimmunterricht - sollte die Schüler über ihre bisherigen Erfahrungen hinaus an ausgewählten Beispielen mit der Vielfalt des Sports und dessen äußeren Bedingungen vertraut machen. Vielfalt bedeutete in diesem Zusammenhang nicht nur Vielfalt der Formen und Inhalte, sondern auch, dass die Bewegungshandlungen der Kinder auf ebenso vielfältige Weise mit Sinn belegt werden können.

 

Vielfalt und Vielsinnigkeit im schulischen Sport waren die beiden Schlüsselbegriffe in dieser Zeit.

 

Diese Ausrichtung des Sportunterrichts, somit auch die des Schwimmens in der Schule haben bis heute Bestand, ja man kann sagen, dass die unterschiedlichen Möglichkeiten des schulischen Schwimmens und seine vielfältigen Bedeutungen weitgehend ausgelotet sind. Sowohl in den derzeitigen Lehrplänen wie auch in der einschlägigen Fachliteratur geht man von einem offnen und mittlerweile weit reichendem Verständnis schulischen Schwimmunterrichts aus, was auch in der Terminologie "Bewegungsraum Wasser" zum Ausdruck kommt.
Die pädagogisch-didaktische Diskussion, wie sie sich auch bei unterschiedlichen Standpunkten in den letzten Jahren entwickelte, hat eine gesicherte Erkenntnis erbracht:
Die pädagogische Bedeutsamkeit des Schwimmens ist darin zu sehen, dass es Kindern einen Bewegungsraum zu erschließen verhilft, der ein sehr breites Spektrum von Bewegungsanlässen bis ins hohe Lebensalter bietet und elementtypische Erfahrungen ermöglicht, die einzigartig und damit nicht austauschbar sind. Unter dieser großen Bedeutungszuschreibung gehört das Schwimmenkönnen bei uns zu den grundlegenden Kulturtechniken, deren Vermittlung bereits in der Grundschule zu erfolgen hat und in seiner weiteren Ausdifferenzierung Gegenstand in den nachfolgenden Schulstufen bleiben muss. Schwimmen, wie der gesamte Sportunterricht sind unaustauschbarer Bestandteil einer umfassenden Bildung und Erziehung aller Kinder, Grundlage für ein gesundes Aufwachsen, erfolgreiches Lernen und für eine ganzheitliche, gesunde Persönlichkeitsentwicklung unverzichtbar.

 

Ich denke, dass in dieser Runde kein Widerspruch zu erwarten ist. Damit, so könnte man meinen, wäre ja eigentlich alles in Ordnung und eine Tagung wie die heutige sei ja nun wirklich überflüssig. Aber ganz offensichtlich ist dem doch nicht so, ihre - unsere Anwesenheit zeugt schließlich davon.
Was also ist das Problem des heutigen Schulschwimmens, welches sind die Gründe für mögliche Zweifel an der ansonsten positiven Einschätzung und bisherigen Entwicklungslinie, wo liegen die neuralgischen Punkte des heutigen Schulschwimmens und in welche Richtung kann und sollte sich das schulische Schwimmen möglicherweise entwickeln.
Um darauf einzugehen, erlauben Sie mir zunächst einige mehr allgemeine Gedanken, die ich nur skizzenhaft ansprechen möchte, die mir aber für meine weiteren Überlegungen wichtig erscheinen. Durch das mäßige Abschneiden in den Ergebnissen von PISA und TIMMS ist das deutsche Schulwesen in die Kritik geraten. Im internationalen Vergleich sind wir weit hinten gelandet. In unseren Schulen, so die Folgerung, müssen zum einen Bildungsstandards eingeführt werden, um die angestrebten Kompetenzen und Lernfortschritte feststellen und vergleichen zu können. Zum anderen, dies ist die wesentliche zweite Forderung, sei der Umbau unserer Schulen zu Ganztagsschulen flächendeckend voranzutreiben. Beide Forderungen befinden sich mittlerweile als notwendig erkannte Reformen in einer Realisierungsphase.

 

Ich möchte neben den genannten Forderungen, auf die ich noch zu sprechen komme, noch auf etwas anderes aufmerksam machen, was ebenfalls aus den Ergebnissen von PISA, TIMMS wie auch der Sprint-Studie zu entnehmen ist, wohl wissend, dass die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Befunden äußerst komplex sind, weshalb lineare Rückschlüsse sicher nicht zulässig sind. Ich werde es dennoch tun. Die Berichte weisen unter anderem auf folgende Problembereiche hin:
  • die Art des Lernens,
  • die Art der Vermittlung und
  • die Auswahl der Inhalte

 

Stichwortartig möchte ich aus diesen drei Bereichen einige defizitäre Aspekte aufgreifen, deren Interdependenzen ebenfalls offenkundig sind:
. Bildungsstandards sind zu implementieren
. Die Orientierung an Basiskompetenzen weist noch Lücken auf
. Problemlösendes Denken und Lernen werden zu wenig praktiziert
. Das systematische und nachhaltige Lernen wird als defizitär betrachtet
. Lernzeiten werden nicht optimal genutzt (können es oft auch nicht)
. kooperative Arbeits- und Sozialformen sind zu intensivieren
. die Integration von Migrantenkindern bedarf verstärkter Aufmerksamkeit . Kinder werden zu wenig gleichmäßig gefördert

 

Was haben nun diese benannten Defizite mit dem Schwimmunterricht an der Schule zu tun?

 

Aus meiner Sicht zeigen sich hier folgende Parallelen.
Obwohl bereits die Curriculumdiskussion in den 1970er Jahren hat deutlich werden lassen, dass sich viele Lernziele nicht operationalisieren lassen, wird in Zusammenhang mit den Bildungsstandards erneut ein Versuch unternommen, Lernziele (Kompetenzen) feststellen und vergleichen zu können. Bildungsziele des Sports lassen sich nun aber nicht ohne weiteres in messbare Bildungsstandards zwängen. Darauf wurde bereits mehrfach an verschiedenen Stellen hingewiesen. Das muss nun aber nicht bedeuten, dass Mindestanforderungen oder Basiskompetenzen im Schwimmunterricht nicht aufzustellen und auch nicht zu überprüfen seien. Aber was sind relevante Basiskompetenzen? Ist in der Primarstufe das Schwimmen-Können die erklärte Basiskompetenz und wenn ja, was ist konkret darunter zu verstehen? Sind es in der Folge nur die messbaren Leistungen, dann wäre dies ein Rückfall auf eine reine Fertigkeits- und Leistungsüberprüfung der Schwimmtechniken und -zeiten.

 

Dass die Festlegung von Mindestanforderungen oder Basiskompetenzen dennoch nicht unwichtig ist, zeigt sich auch im Folgenden. Durchgängiges Kennzeichen der neuen Lehrplangeneration ist der weitgehende Verzicht auf detaillierte Stoffkataloge und Verbindlichkeiten mit dem Ziel, größere Gestaltungsräume für die einzelnen Schulen zu eröffnen. Auch in der einschlägigen Literatur finden sich eine Vielzahl von Vorschlägen zu unterschiedlichen Formen des Schwimmens, Spielens, Tauchens, Springens, von Fertigkeiten in den Schwimmtechniken, im Rettungsschwimmen, in der Wassergymnastik bis hin Bau von Wasserbewegungslandschaften und Formen der Entspannung. Dort wo solche Vielfalt zum Tragen kommt - und darauf haben Jürgen Lange und ich (Lange & Volck, 1999) an früherer Stelle hingewiesen - ist sie beeindruckend und verwirrend zugleich, denn die Pluralität verschiedenartiger und widerstreitender Ansprüche erschwert die Orientierung und den Blick auf das Wesentliche. Aus der Unübersichtlichkeit und Widersprüchlichkeit erwächst sehr leicht das Problem der Beliebigkeit oder gar - und das scheint mir sehr häufig der Fall - ein Rückgriff auf vorwiegend solche traditionellen Inhalte und Methoden, die sich überprüfen und in Noten fassen lassen. Es geht dann oft mehr um Fertigkeiten und weniger um Fähigkeiten.

 

Der nächste Aspekt richtet sich auf das Lehren und Lernen. Gelingt es im Schwimmunterricht auch solche Lehrformen anzuwenden, die der Forderung von mehr problemlösenden, systematischen und nachhaltigem Lernen wie auch kooperativer Arbeits- und Sozialformen nachkommen? Mein Eindruck ist, dass dies nur partiell geschieht, obwohl Rahmenrichtlinien wie auch unsere Fachliteratur Potenziale dazu ausweisen. Insbesondere in den Stufen SI und SII - wenn dort Schwimmen überhaupt stattfindet, dominiert nach meinen Eindrücken der Frontalunterricht. Dies hat Gründe, liegt sicher nicht vorrangig an den Pädagogen und sagt auch nichts über die Unterrichtsqualität aus. Denn wenn wir über Lehren und Intervenieren sprechen, dann ist dies ohne Berücksichtigung der organisatorischen Rahmenbedingungen - und hier insbesondere die Schwimmstätten - nicht zulässig. Dennoch bleibt der Eindruck, dass kreativ-konstruktive Lehrwege und Organisationsformen zu wenig praktiziert werden.

 

Dass Lernzeiten nicht optimal genutzt werden - und man muss an dieser Stelle sagen - oft nicht besser genutzt werden können - bedarf keiner weiteren Ausführung, denn Schwimmstätten befinden sich in aller Regel außerhalb der Schulen, was allein schon längere Zeiten zum Aufsuchen in Anspruch nimmt und somit auf Kosten der tatsächlichen Lernzeiten geht.

 

Die PISA -Studie belegt zudem sehr deutlich, dass in Deutschland der sozioökonomische Hintergrund des Elternhauses die Leistungen der Kinder stärker beeinflusst, als in jedem anderen Land der OECD. Für den Schwimmunterricht in Primarstufe hat diese Erkenntnis die Konsequenz, dass Kinder aus diesen Elternhäusern mit zumeist weniger oder gar keinen Schwimmerfahrungen in die Schule kommen. Dies hat wiederum Auswirkungen nicht nur für die betroffenen Kinder selbst, sondern auch auf die gesamte Lernorganisation.

 

Dass Kinder im Schwimmen nicht gleichmäßig gefördert werden - und ich muss hier wieder einfügen "gefördert werden können", hat wiederum mehrere Ursachen. Schwimmunterricht findet nur in eng begrenzten Zeiträumen statt. Vor allem nach der Grundschulzeit beschränkt sich in vielen Schule das Schwimmen in der Sekundarstufe I lediglich auf wenige Wochen und in der S II steht Schwimmen nur noch in Ausnahmefällen auf dem Stundenplan. Nach Breuer (2006) können über 20% aller Schulen keinen Sportstätten für den Schwimmunterricht nutzen. Die Ressource Schwimmbad hat damit größeren Einfluss auf die Nichterfüllung des Stundensolls, als z.B. der Sportlehrermangel.

 

Dass es einzelne Regionen oder Schulen gibt, in denen dieser Zustand nicht zutreffend ist, will ich nicht bestreiten.

 

Ich komme nun zum 2. Teil meiner Ausführungen und möchte Ihnen hier vier Szenarien vorstellen.
1. Realszenario
2. Negativszenario
3. Idealszenario und
4. Szenario "Konkrete Utopie"

 

1. Realszenario
Vieles wurde bereits angedeutet und deshalb erlaube ich mir nur stichwortartig die derzeitige Situation zum umreißen.
Trotz der stets herausgestellten Bedeutung des Schwimmens in den Lehrplänen nimmt das schulische Schwimmen eine Außenseiterstellung ein. Die Ansprüche sind groß, die Wirklichkeit ist oftmals ernüchternd.

 

Das Raumproblem
. Wenn die Zahlen zutreffen, so wurden in den letzten 10 Jahren mehr als 1500 Bäder geschlossen (laut Pressebericht der FAZ vom 28.07.06, Nr. 173, S. 32). Neu hinzu gekommene Bäder sind für schulische Belange oft ungeeignet
. In manchen Bädern werden gleichzeitig über 100 Kinder unterrichtet, vielleicht müsste man besser sagen "beschäftigt"
. Wasserflächen sind in der Regel stark begrenzt ("Bahnenschwimmen")
. Vereinzelt findet Unterricht während des öffentlichen Badebetriebes statt
. Die Behandlung theoretischer Fragen und Probleme, wie auch pädagogisch-didaktischer Anliegen ist außerordentlich schwierig und es ist davon auszugehen, dass die nachfolgenden Daten von Hoffmann (2006) - auf den Schwimmunterricht übertragen - nochmals deutlich schlechter ausfallen würden. Die von Hoffmann ermittelten Werte zu gängigen fachdidaktischen Aspekten des Schulsports im Spiegel der Schülerwahrnehmung lassen den Schluss zu, dass die fachdidaktische Diskussion nur begrenzt ihren Niederschlag in der Praxis findet. Wie die nachfolgende Abbildung zeigt, wird von sieben thematisierten Aspekten des Doppelauftrages Schulsport lediglich die "Fairness" eher deutlich wahrgenommen. Die Förderung außerschulischen Sporttreibens, aber auch erzieherisch ausgerichtete Zielsetzungen (wie z.B. Körpererfahrung, Sinnverfremdung) werden eher wenig wahrgenommen.
Skalenmittelwerte der didaktischen Aspekte

 

Die Frage, warum die didaktischen Aspekte von den Befragten aus über 200 Schulen eher wenig wahrgenommen wurden, lässt sich nach Hoffmann aufgrund der Datenlage nicht eindeutig beantworten. Dennoch sieht auch er eine der möglichen Ursachen in den Rahmenbedingungen des Schulsports. Der Grundgedanke hierbei ist, dass sich selbst die besten Modelle von den kompetentesten Lehrkräften kaum realisieren lassen, wenn die Unterrichtsbedingungen schlecht sind. Und dies gilt für den Schwimmunterricht in besonderer Weise.

 

Das Kompetenzproblem
. In vielen Grundschulen wird das Schwimmen fachfremd unterrichtet
. Sportlehrkräfte werden (immer noch oder auch immer noch mehr) unzureichend auf die realen Bedingungen vorbereitet.
. Die in der Ausbildung vermittelten theoretischen Konzepte greifen zu kurz - mit der Folge eines Rückbezuges auf Bewährtes - und das meint eine eher bloße Übernahme vorgefundener Praxis mit dem häufigen Rückgriff auf traditionelle Inhalte und Methoden.
. Die Belastung für Schwimmlehrkräfte ist sehr hoch (bis zu 30 Kinder - auch in der Grundschule, Akustik, Lärm)
. Die Zunahme an Migranten und die damit einhergehende Herausforderung einer wirksamen Integrationsarbeit

 

Das Inhaltsproblem
. Das Konzept der Vielfalt ist unter den gegenwärtigen Bedingungen nur begrenzt realisierbar, der "reibungslose" Unterricht prägt stark das Geschehen
. Defizite in den Grundlagen (basics) sind offenkundig und kaum aufzuholen

 

Das Zeitproblem
. Lange Angeh- und Anfahrtswege reduzieren die reale Unterrichtszeit erheblich

 

2. Negativ-/Extremszenario
Schulen beschränken sich in Zukunft nur noch auf die kognitiven Fächer und entsprechende berufsrelevante Lerninhalte. Der Rest wird ausgelagert. Dazu gehört auch der Sport als nichtrelevanter Gegenstandsbereich. Sportarten werden von Vereinen angeboten, gesundheitsorientierte Sportangebote übernehmen die Krankenkassen, für Freizeitangebote bieten sich Fitnessstudios und andere Privatunternehmen an. Das Schwimmen liegt in den Händen der Schwimmmeister, Schwimmvereine und Rettungsorganisationen.

 

3. Idealszenario
Als Folge aus den ernüchternden Daten des jüngsten Bildungsberichts der OECD gibt die Bundesrepublik Deutschland deutlich mehr Geld für die Bildung aus und übertrumpft dabei die anderen Industriestaaten. Die Akzente werden so gesetzt. dass am meisten der Grundschulbereich profitiert. Die Ganztagsschule ist flächendeckend ausgebaut, baufällige Sportstätten wurden endlich renoviert, es sind neue Sport- und Schwimmhallen entstanden, die auch die schulischen Belange angemessen berücksichtigen, es gibt keinen Mangel mehr an Geräten und Materialien. Es sind ausreichend Lehrer eingestellt, die zu einer deutlich verbesserten Lehrer-Schülerrelation führen. Unterrichtsstunden müssen nicht mehr ausfallen, für alle Schulstufen besteht ein kontinuierliches Angebot. Der Forderung, die Schule als Lebens- und Erfahrungsraum neu zu gestalten wird ebenso nachgekommen, wie auch der Forderung nach einer neuen Lernkultur. Konzepte wie die "Bewegte Schule" finden auf breiter Ebene Eingang. Es besteht Zeit und Raum für zusätzliche Sportangebote und Fördermaßnahmen aller Art.
Für das Schwimmen an der Schule könnte dies heißen: durch das Vorhandensein neuer Schwimmhallen nur noch kurze Wege- oder Fahrzeiten für Kinder und Lehrer, kleine Gruppengrößen und großzügige Wasserflächen, hervorragende Geräteausstattung, die allesamt beste Voraussetzung für ein vielfältiges Angebot und eine hohe Unterrichtsqualität sind.

 

4. Szenario "Konkrete Utopie"
Wie ich schon eingangs angemerkt habe, benötigt das Schulschwimmen keine völlig neuen Konzeptionen, wohl aber eine Modifizierung der bestehenden aufgrund der gegenwärtigen wie auch der sich verändernden Bedingungen in Zusammenhang mit der Ganztagsschule.
Ich will mich dabei auf 2 Aspekte beschränken:
1. Mein Eindruck ist, dass das Schwimmenlernen vielerorts sehr stark von einem ökonomischen Denken geprägt ist. Erfolgreich ist, wer Kinder in kurzer Zeit das Schwimmen-Können und später einzelne Techniken vermittelt. So verständlich dieses Ansinnen auch sein mag, wer so handelt, unterschätzt die Bedeutung der elementaren Wassererfahrung, den so genannten "basics" (auch "Fundamentum"), die nicht nur Grundlage für einen sicheren Wasseraufenthalt, sondern auch für alles Nachfolgende im Schwimmunterricht entscheidend sind. Und es wird dabei übersehen, dass Schule nicht eine Lernanstalt, sondern zu allerst eine Bildungseinrichtung ist. In einem pädagogisch definierten "Lern- und Bewegungsraum" Wasser ist der Umgang mit den Besonderheiten dieses Mediums zugleich immer auch der Umgang mit sich selbst, dem eigenen Körper und den anderen. Hier ist Vielseitigkeit in hohem Maße angesagt: allein und miteinander schwimmen, tauchen, springen, spielen. Dazu gehört vor allem, dass Kinder Befindlichkeiten austauschen, Regeln verstehen und anwenden, Körperreaktionen beobachten und verstehen lernen, mit Bewegungen experimentieren, die Andersartigkeit von Bewegungen im und unter Wasser verstehen lernen und schließlich über die vielfältigen Erfahrungsbereiche Wassersicherheit erlangen.
Nachfolgend werden acht Erfahrungsbereiche vorgestellt, die diesem Ziel dienlich sind und Grundlage für einen sicheren Wasseraufenthalt bilden.

  • 1 Erleben und erfahren, das das Wasser die Bewegungen bremst und wie man das Bremsen beeinflussen kann
  • 2 Erleben und erfahren, wie sich im Wasser das Gefühl für das Gleichgewicht ändert und wie man sich anders orientieren muss
  • 3 Erleben und erfahren, dass die "Welt" unter Wasser eine andere ist und dass es etwas ganz Besonderes ist, sich dort zu bewegen
  • 4 Erleben und erfahren, dass man vom Wasser getragen werden kann und dass man schweben, sinken und wieder auftreiben kann
  • 5 Erleben und erfahren eines Fluges beim Springen, dass man dabei Kunststücke machen und genussvoll ins Wasser eintauchen kann
  • 6 Erleben und erfahren des Gleitens an und unter der Wasseroberfläche
  • 7 Erleben und erfahren, dass man auch im Wasser bei Bewegungsaktivitäten ruhig und gleichmäßig atmen kann (Zusammenspiel von Atmen und Bewegen im Wasser)
  • 8 Erleben und erfahren, wie man dem Wasser einen Bewegungsimpuls erteilt, der gleichzeitig eine Reaktion in die Bewegungsrichtung erzeugt
Ich denke, dass auch in der Folgezeit im schulischen Schwimmen dieser Prozess in Form einer Erfahrungserweiterung fortgesetzt werden sollte. Ziel der Erfahrungserweiterung muss es sein, bei den Lernenden einen selbst organisierten Lernprozess auszulösen, das Gespür für die eigene Bewegung im bewegten Wasser weiter zu entwickeln, an den eigenen Leistungsforschritten zu arbeiten und über vielfältige Aktivitäten von Aufgabendifferenzen ein breites Fundament von Erfahrungen, Bewegungsformen und -techniken zu erlangen, um sich "frei" im/über/unter Wasser bewegen zu können.

 

2. In Zusammenhang mit der Ganztagsschule stellt sich die Frage, wie mit einem längeren Schultag pädagogisch mit Körper und Bewegung umgegangen wird, denn für die ergänzenden Angebote des Nachmittags bieten sich beachtliche Möglichkeiten an. So sollten Kinder in freier Entscheidung aus einer Reihe von verbindlichen und unverbindlichen Angeboten mit unterschiedlichen Ausrichtungen und Schwerpunkten wählen können. Ob und inwieweit auch das Schwimmen davon partizipiert, scheint mir derzeit noch ungeklärt, denn die Rahmenbedingungen für das Schwimmen werden sich auch in naher Zukunft nicht grundlegend ändern. Denkbar wären Angebote aus dem Gesamtspektrum des Schwimmsports (Schwimmen, Wasserball, Wasserspringen, Synchronschwimmen), Angebote zum Rettungsschwimmen mit Lizenzerwerb, Angebote zu kleinen und großen Wasserspielen oder auch Angebote aus dem breiten Spektrum der Aquafitnessbewegung (Aquarobic, Aquajogging/Aquarunning usw).
Es gibt derzeit eine Reihe von Modellen, die bereits praktiziert werden. Interessant wäre es zu erfahren, ob zum Beispiel das Düsseldorfer Projekt mit seinen Besonderheiten auf andere Kommunen übertragen wurde und welche Erkenntnisse darüber vorliegen. Wenn sich Vereine oder andere Organisationen dazu anbieten, dann sollten allerdings die Angebote aufeinander angestimmt werden. Dabei ist deutlich zu machen, dass es sich dabei - und ich betone dies ausdrücklich - um eine Ergänzung des lehrplanmäßigen, vormittäglichen Sportunterrichts handelt.
Schwimmunterricht muss auch in Zukunft von ausgebildeten Lehrern erteilt werden. Lehrer sind Angehörige einer Profession, die im Gegensatz zu Übungsleitern einen existenziellen und gesellschaftlich relevanten Zentralwert vermitteln, eben Bildung. Dieses erfolgt in direkter Interaktion mit Kindern, auf deren Mitarbeit sie angewiesen sind. Neben einer besonderen Form des Wissens verfügen sie vor allem auch über unverzichtbare didaktische und pädagogische Kompetenzen.
Ich betone dies ausdrücklich, denn obwohl seit PISA ständig von Verbesserungen der Qualität in Bildung und Erziehung geredet wird, lässt die Bildungspolitik die Erosion der universitären Lehrerbildung zu. Bereits seit einigen Jahren ist der Lehrerberuf freigegeben für Quereinsteiger jeder Art. Damit bei Krankheitsausfällen allein der reguläre Unterricht gehalten werden kann, dürfen in Hessen beispielsweise Pensionäre und Eltern an Schulen unterrichten. Auch in Baden-Württemberg sieht die Lage nicht anders aus. Berufliche Schulen greifen hier auf Berufsgruppen wie z.B. Rechtsanwälte oder Apotheker zurück, die keine Lehrbefähigung haben. Dass Arbeitsgemeinschaften und Förderangebote von der vorrangigen Einhaltung der Kernangebote in besonderer Weise betroffen sind, muss nicht besonders überraschen. Es besteht die große Gefahr, den Lehrermangel als Vorwand zu benutzen, die Lehrerbildung der Nachfrage unterzuordnen und nicht dem Berufsanspruch. Sollen aber Bewegungsangebote den hohen Ansprüchen und Anforderungen in einer Ganztagsschule gerecht werden, dann sind dafür nicht nur fachliche, sondern in hohem Maße pädagogische Kompetenzen der Lehrenden unverzichtbar.
Wenn wir das schulische Schwimmen wenigstens in seiner Substanz erhalten und dabei seine Qualität steigern wollen, dann kann es nicht allein um einzelne Interessendurchsetzungen gehen. Mögliche Lösungswege für die Erhaltung und Verbesserung des schulischen Schwimmens können nur im gemeinsamen Verbund aller Beteiligter im staatlichen Verantwortungsbereich gelöst werden. Das sind vor allem die Ausbildungseinrichtungen der Universitäten, die Länder, die Lehrplankommissionen, Kommunen, Badbetreiber, wie auch Schwimmvereine und Organisationen, die das Schwimmen fördern. Ich möchte dem Veranstalter für die Initiierung dieser Tagung mein Kompliment aussprechen, denn sie bietet dazu eine ausgezeichnete Plattform.

 

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