Schulsportentwicklung
Leisten und Leistung im Sportunterricht der Sekundarstufe I

Die aktuellen Entwicklungen im Schulsport lassen sich immer auch von fachpolitischen Konzepten und Vorgaben ableiten. Im Einführungsreferat erläuterte Rolf-Peter Pack (Leiter des Schulsportreferats im Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport, MSWKS) den fachpolitischen Hintergrund zum Thema „Leisten und Leistung im Sportunterricht der Sekundarstufe I“.
Hier das Referat im Wortlaut:
„Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich bedanke mich für die freundliche Begrüßung und überbringe Ihnen die Grüße der Sportabteilung des MSWKS.
Sie sind - wie ich sehe, in der überwiegenden Zahl nicht zum ersten Mal - nach Soest gekommen, weil die Landesstelle für den Schulsport hier im Landesinstitut für Schule heute und morgen einen Workshop zu einem interessanten schulsportbezogenen Thema durchführt. Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Entscheidung, an dieser Veranstaltung teilzunehmen und ich danke Ihnen für Ihr Kommen. Das Thema „Leisten und Leistung im Schulsport“ ist in der Tat hoch interessant und sehr wichtig, nicht nur aus fachpädagogischer, sondern auch aus fachpolitischer Sicht. Ich bin darum gebeten worden, zunächst eine fachpolitische Einordnung des Themas vorzunehmen.
Zugegeben: In der Zeit, als ich noch Schüler, Student, Referendar und Sportlehrer war, habe ich mir wenig Gedanken darüber gemacht, dass und inwieweit die Rahmenbedingungen des Schulsports, zum Beispiel der Umfang des Sportunterrichts in den Rahmenstundentafeln, die Ausbildung und der Einsatz von Sportlehrkräften, die Sportstätten und Sportgeräte für den Schulsport usw., letztlich politikabhängig sind.
Im Verlauf meiner Tätigkeit in der politischen Administration auf der Landesebene ist mir dieser Zusammenhang klarer geworden (siehe Abb.1):
Der Schulsport ist eingebunden in unterschiedliche Politikbereiche zum Beispiel in die Bildungs- und Schulpolitik, die Sportpolitik, die Gesundheitspolitik, oder auch in die Politik für Kinder und Jugendliche, die Finanzpolitik – um nur einige Politikbereiche zu nennen; und die Belange des Schulsports müssen zum Teil gegenüber konkurrierenden Interessen immer wieder neu durchgesetzt werden.

Abb. 1: Schulsport im Kontext unterschiedlicher Politikbereiche
Hierfür bedarf es einer aktiven „Fachpolitik für den Schulsport“ auf mehreren Ebenen (siehe Abb. 2): auf der Landesebene, auf regionaler, auf lokaler und auf schulischer Ebene!

Abb. 2: Ebenen der Fachpolitik für den Schulsport in NRW
Denn „Fachpolitik für den Schulsport“, so haben Studierende der Bergischen Universität in Wuppertal in einer meiner Seminarveranstaltungen definiert, heißt
„Interessenvertretung der Schülerinnen und Schüler in bezug auf einen guten Schulsport, eine Bewegungsfreudige Schule und eine bewegungsfreudige Gesellschaft“.
In diesem Verständnis, liebe Kolleginnen und Kollegen, sind wir gemeinsam fachpolitisch verantwortlich tätig!
Später wurde mir immer mehr bewusst, wie viele einzelne Fragestellungen und Probleme des Schulsports nicht nur pädagogisch, sondern auch politisch bedeutsam sind bzw. werden können. Ich denke an Fragen der Gesundheits- und Sicherheitsförderung im Schulsport, die Koedukation im Sportunterricht, die Zusammenarbeit von Schulen und Sportvereinen, die Olympische Erziehung u.v.a.m. Auch das Thema dieser Fachtagung „Leisten und Leistung im Schulsport“ hat zum Beispiel eine herausragende Bedeutung für den Stellenwert des Schulsports bei den Schülerinnen und Schülern, den Eltern, im Kollegium, in der Öffentlichkeit – und damit eine herausragende politische Bedeutung.
Und wie mir scheint, gibt es in bezug auf das Leistungsverständnis im Schulsport viele Unklarheiten in unserem Lande.
Zwei Beispiele:
In einigen Köpfen hat sich offenbar die Auffassung festgesetzt, es gäbe in unserem Land einen „leistungsorientierten Schulsport“. Es gibt sogar Beauftragte für den Schulsport mit dem Aufgabenprofil „leistungsorientierter“ oder „leistungssportorientierter“ Schulsport. Was ist das für ein Schulsport? Wovon soll sich dieser Schulsport, wollen oder sollen sich diese Beauftragten absetzen?
Es gibt in unserem Land, das wurde in zahlreichen Implementationsveranstaltungen zu unseren neuen Lehrplänen deutlich, nicht wenige Kolleginnen und Kollegen, die diesen Lehrplänen eine „Leistungsfeindlichkeit“ nachsagen. Schließlich werde doch, so sagen sie, die Leistungserziehung im Schulsport auf nur eine von insgesamt sechs Perspektiven reduziert. Stimmt das?
Diese Unklarheiten in bezug auf das Leistungsverständnis im Schulsport sind nicht nur fachpädagogisch, sondern auch fachpolitisch schädlich. Gerade in einer Zeit, in der das Thema „Schulqualität“ – orientiert an „Kernlehrplänen“ und gemessen an „Bildungsstandards“ – Hochkonjunktur hat, muss auch der Schulsport seine Qualitätsstandards und seinen Beitrag zur Schulqualität definieren. Hierzu gehört auch die Klärung des Leistungsverständnisses im Schulsport.
Das Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport NRW hat diesen Handlungsbedarf erkannt und unter der Leitung der Landesstelle für den Schulsport beim Landesinstitut für Schule eine Arbeitsgruppe damit beauftragt, das Thema „Leisten und Leistung im Schulsport“ aufzubereiten (siehe Abb. 3)

Abb. 3: Leisten und Leistung im Schulsport - die Aufbereitung des Themas
Die Mitglieder der Arbeitsgruppe präsentieren uns heute gleich zwei Ergebnisse: Den Entwurf einer Handreichung und das Konzept dieses Workshops. Für beide Arbeitsergebnisse möchte ich mich an dieser Stelle bei allen Mitgliedern der Arbeitsgruppe sehr herzlich bedanken.
Im Verlauf dieses Workshops sollen nun die nächsten Schritte folgen: Die Mitglieder der Arbeitsgruppe möchten mit Ihnen in einen hoffentlich intensiven Diskussions- und Verständigungsprozess über ihre Handreichung eintreten und versuchen, eine „pädagogische Botschaft“ und eine „Strategie“ für die Beseitigung von Missverständnissen zum Thema „Leisten und Leistung im Schulsport“ zu erarbeiten. Letztlich sollen Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, als weitere „Botschafter“ und „Strategen“ für die Verbreitung eines pädagogisch und politisch vertretbaren Leistungsverständnisses im Schulsport gewonnen werden. Wir setzen auf Sie!
Im Vergleich zu früheren Entwicklungsarbeitendes Landesinstituts für Schule im Bereich des Schulsports wird es bei diesem Punkt einige Neuerungen geben: So wird die von der Arbeitsgruppe entwickelte „Handreichung“ zum Beispiel nicht vom Landesinstitut, sondern von unserem neuen Kooperationspartner, dem Verlag Meyer & Meyer, in seiner neuen „Edition Schulsport“ bundesweit veröffentlicht. Ferner wollen wir das Internetportal www.schulsport-nrw.de gezielt für unser Thema nutzen, und zwar nicht nur für die Informations- und Öffentlichkeitsarbeit, sondern auch für die Fortbildung. Bei all diesen Vorhaben benötigen wir Ihre Hilfe – heute, morgen und in der Zeit danach!
Wie alle anderen Projekte zur Förderung der Schulsportentwicklung in Nordrhein-Westfalen, so ist auch das Projekt „Leisten und Leistung im Schulsport“ in den Kontext der aktuellen fachpolitischen Schwerpunkte der Landesregierung eingebunden. Diesen Zusammenhang möchte ich Ihnen abschließend verdeutlichen:
Die fachpolitischen Maßnahmen der Landesregierung werden für viele am deutlichsten sichtbar in landesweiten Programmen, Initiativen und Aktionen, in Politikprojekten oder zentralen Veranstaltungen zur Schulsportentwicklung.
Ich nenne beispielhaft die Landesprogramme zur „Talentsichtung und Talentförderung in Zusammenarbeit von Schule und Verein/Verband“ und zum „Ausbau des Kompensatorischen Sports in den Schulen“, die landesweiten Initiativen zur „Sicherheits- und Gesundheitsförderung“ sowie zur „Entwicklung Bewegungsfreudiger Schulen“ oder auch das im Schuljahr 1999/2000 durchgeführte „Jahr des Schulsports in NRW“
Im Zuge der Olympiabewerbung von Düsseldorf Rhein-Ruhr eröffneten sich Möglichkeiten, die Schwerpunkte der Fachpolitik für den Schulsport der Landesregierung neu zu justieren und zu arrondieren. Ich erwähne hier nur die Gründung der Sportstiftung NRW zur Förderung des Nachwuchsleistungssports, das neue Aktionsprogramm zur Förderung der Zusammenarbeit von Schulen und Sportvereinen, das Initiativprogramm der Landesregierung zur Stärkung des Schulsports oder das Internetportal www.schulsport-nrw.de, das im November 2003 mit mehr als 32.000 Zugriffen eine neue Schallgrenze durchbrochen hat.
Eine Zuspitzung erfuhren diese fachpolitischen Entwicklungen durch einen Antrag der Fraktion der SPD und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der am 23. Juni 2003 mit den Stimmen aller im Landtag NRW vertretenen Fraktionen verabschiedet wurde. Dieser Antrag mit dem Titel „Schulsport – Kernbereich im Schulalltag. Sport und Bewegung an den Schulen in NRW ausbauen!“ ist ebenso in unserem Schulsportportal eingestellt wie alle anderen von mir genannten Programme, Initiativen und Aktionen. Ich empfehle die Lektüre gerade dieses Antrags dringend, erstens weil ich ihn hier und heute nicht im Detail vorstellen und erläutern kann, und weil er zweitens fachpolitische Impulse setzt bzw. setzen wird, die jeden von uns erreichen werden. Ich weise in diesem Zusammenhang zum Beispiel auf die Entwicklung und Umsetzung von „Handlungskonzepten zur Sicherung des Sportunterrichts“, die „Erprobung der täglichen Sportstunde in der Grundschule“ oder die Einführung einer „Landesauszeichnung für Bewegungsfreudige Schulen“ hin.
Das Schulsportreferat im Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport NRW hat diese Entwicklungen zum Anlass genommen, das Feld fachpolitischer Aktivitäten neu zu strukturieren (siehe: Schwerpunkte der Schulsportentwicklung in NRW).
Diese Abbildung hat der Leiter der Sportabteilung im Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport NRW, Werner Stürmann, am 19. November 2003 anlässlich des Symposiums „Lernen und Bewegung“ hier in Soest vorgestellt. Sie wird richtungweisend sein für alle künftigen Maßnahmen zur Schulsportentwicklung in unserem Land, vor allem auch für den Einsatz der Beauftragten für den Schulsport und die Ausrichtung unserer fachspezifischen Schulberatung und Fortbildung.
Das Thema dieses Workshops „Leisten und Leistung im Schulsport“ ist für alle dargestellten Schwerpunkte der Schulsportentwicklung bedeutsam; als Projekt ist es allerdings dem Schwerpunkt „Qualitätsentwicklung im Schulsport“ zugeordnet. Hier befindet es sich in guter Gesellschaft zum Beispiel mit Projekten zur Entwicklung von Bildungs- bzw. Qualitätsstandards für den Sportunterricht bzw. Qualitätskriterien für den außerunterrichtlichen Schulsport und die Bewegungsfreudige Schule. Die Qualitätsentwicklung im Schulsport soll wiederum eingebunden werden in die fächerübergreifenden Maßnahmen zur Verbesserung der Schulqualität.
Vor diesem Hintergrund wünsche ich diesem Workshop einen erfolgreichen Verlauf."





