Schulsportentwicklung

 

Leisten und Leistung im Sportunterricht der Sekundarstufe I

 

 

 

Vor dem Hintergrund der fachpolitischen Rahmenbedingungen hat Professorin Doris Küpper eine fachpädagogische Einordnung des Themas vorgenommen. Zu ihrem Vortrag ist eine begleitende Präsentation abrufbar

 

Folgende Gliederung liegt dem Vortrag zu Grunde:

Sportliche Leistung - schulsportliche Leistung, eine Begriffseinordnung

Leistungserfahrungen unter allen pädagogischen Perspektiven - eine Klarstellung

Missverständnisse im Umgang mit Leistungssituationen - einige vorsorgliche Erwägungen

Verengungen im Leistungsverständnis

Mangelnde Durchschaubarkeit der Leistungsanforderungen

Greifbarkeit von Leistungsdimensionen und ihr Stellenwert bei der Rückmeldung

Diskrepanz zwischen unterrichtlicher Schwerpunktsetzung und Anerkennung von Leistungen

Was nun? - Ein Ausblick

"Leistungserfahrungen zu eröffnen und Könnenserlebnisse zu erschließen, gilt gemeinhin als ein wichtiges und weitgehend akzeptiertes Argument unter anderen, wenn es darum geht, die pädagogische Bedeutung des Schulsports zu rechtfertigen. Dies erscheint deshalb schlüssig, weil sportliche Leistungen leicht verständlichen und einsehbaren Prinzipien folgen, die ihr Zustandekommen plausibel und nachvollziehbar werden lassen. Wer als Erster oder als Erste beim Wettlauf ein Ziel erreicht, wer mehr Punkte erzielt oder Tore schießt, wer am höchsten oder weitesten springt, der oder die hat die bessere Leistung erzielt. Aber schon bei gestalterisch kompositorischen sportlichen Handlungen wird es mit der scheinbaren Eindeutigkeit schwieriger, und man bedient sich komplizierter Wertungsvorschriften, um die bessere von der weniger guten Leistung abzugrenzen. Es scheint also doch nicht ganz so einfach zu sein mit der Plausibilität und Nachvollziehbarkeit sportlicher Leistungen.

Bedenkt man weiterhin, dass sportliche Leistungserfahrungen - aber ebenso Erfahrungen sportlicher Misserfolge - sich nachhaltig auf das Selbstwertgefühl der Handelnden auswirken, bestätigend oder beeinträchtigend wirken können, so ist die Feststellung naheliegend, dass es sich bei der Auseinandersetzung mit Leistungserfahrungen im Schulsport um ein höchst differenziertes und zugleich brisantes pädagogisches Geschehen handelt.

Hier setzt die heute zur Diskussion stehende Handreichung "Leisten und Leistung im Sportunterricht der Sekundarstufe I" an. Sie ist entstanden, weil sich bei der Implementation der Richtlinien und Lehrpläne Sport für die Schulformen der Sekundarstufe I gezeigt hat, dass ein nachhaltiger Klärungsbedarf darüber besteht, wie das dort unterstellte Leistungsverständnis einzuordnen und in der schulischen Praxis umzusetzen ist. Die vorliegende Handreichung soll dazu beitragen, möglichen Missverständnissen und Verkürzungen in der Einschätzung von Leistung im Sportunterricht vorzubeugen und diejenigen sicher zu machen, die die Lehrpläne in der Fortbildung oder auch im eigenen Unterricht umsetzen. Sie will dabei auch Aufmerksamkeit und Sensibilität für möglicherweise entstehende Probleme beim Umgang mit Leistungssituationen im Sportunterricht wecken.

Sportliche Leistung - schulsportliche Leistung, eine Begriffseinordnung

Leistungen werden in vielfältigen Handlungsfeldern unserer Gesellschaft erwartet. Sport und Schule sind solche, die für unsere Thematik bestimmend sind und die uns helfen können, Leistungen pädagogisch klarer einzuordnen.

Sportliche Leistung ist mehr als motorische Leistung, setzt diese aber als unabdingbar voraus. Leistungssituationen im Sport zu bewältigen bedeutet darüber hinaus auch, Kenntnisse über Voraussetzungen und Folgen von Bewegungshand­lungen effektiv zu nutzen sowie sich situationsgerecht in das soziale Gefüge einer sportlichen Handlung einbringen zu können. Sportliche Leistungen unterliegen einem weitgehend objektiven Mess- und Bewertungssystem.

Die Auseinandersetzung mit sportlichen Leistungsanforderungen deckt im Bereich der Schule den fachlich-gegenständlichen Anteil im Sportunterricht ab. Der pädagogische Anspruch der Schule geht aber darüber hinaus: Sie ist auch der Aufgabe verpflichtet, Heranwachsende in ihrer Persönlichkeit zu stärken und ihren individuellen Voraussetzungen gerecht zu werden. Deshalb müssen sich schulsportliche Leistungserfahrungen auch daran messen lassen, inwieweit sie dieser Aufgabe gerecht werde.

Schulsportliche Leistung grenzt sich deshalb von sportlicher Leistung dadurch ab, dass sich die motorischen, kognitiven und sozialen Dimensionen von Leistung nicht nur im sportlichen, sondern auch im schulischen Kontext erweisen und möglichst auch darüber hinaus wirksam werden. Leistungserfahrungen im Schulsport besitzen subjektive Wertigkeit, sie gewinnen ihre Bedeutung nicht nur für das außerschulische sportliche Handeln, sondern sind vor allem auch aus dem schulsportlichen Auftrag zur Entwicklungsförderung durch Bewegung, Spiel und Sport zu rechtfertigen. Schulsportliche Leistungserfahrungen sind deshalb pädagogisch gefilterte Leistungserfahrungen, die unter den verschiedenen Pädagogischen Perspektiven in der Auseinandersetzung mit den schulsportlichen Inhaltsbereichen eine jeweils unterschiedliche Konkretisierung erfahren.

Leistungserfahrungen unter allen pädagogischen Perspektiven - eine Klarstellung

Bei der Rezeption der Lehrpläne wurde häufig die Auffassung vertreten, gelernt und geleistet werde nur noch unter der Perspektive "Das Leisten erfahren, verstehen und einschätzen". Diese Auffassung entspricht nicht dem Geist der Lehrpläne.

Überall dort, wo Lernprozesse angestrebt und verwirklicht werden, können Lernerfolge erzielt und damit Leistungserfahrungen gemacht werden. Sie stellen sich insbesondere dann ein, wenn ein klar formuliertes und den individuellen Möglichkeiten entsprechendes Ziel, ein Prozess der intensiven Auseinanderset­zung mit einer Aufgabe, geduldiges - manchmal auch langwieriges - Üben letztlich zu dem angestrebten Lernerfolg führen. Solche Erfahrungen sind unter allen Pädagogischen Perspektiven möglich und erwünscht, denn unter allen Pädagogischen Perspektiven geht es im Sportunterricht um Lernen und Lernfortschritt.

Die Pädagogische Perspektive "Das Leisten erfahren, verstehen und einschätzen" ist dadurch gekennzeichnet, dass das Leisten in sportlichen Handlungen selbst zum Thema von Unterricht gemacht wird. Hier geht es darum, Heranwachsenden die Bedeutung von sportlichen Leistungen für sich und andere, ihre Voraussetzungen und Bewertungen, aber auch deren Veränderbarkeit und Relativität erfahrbar und durchschaubar zu machen. Leistung und Leistungserfahrung sind hier also Thema, unter allen anderen pädagogischen Perspektiven Prinzip des Sportunterrichts.

Missverständnisse im Umgang mit Leistungssituationen - einige vorsorgliche Erwägungen

Leistungssituationen im Sportunterricht sollen individuelle Könnenserfahrungen erschließen und Heranwachsenden eine Bestätigung der eigenen Tüchtigkeit vermitteln. Missverständnisse im Umgang mit Leistungssituationen können solche Wirkungen verhindern. Deshalb sollen im folgenden einige Erwägungen angestellt werden, welche Missverständnisse dies sein können und wie ihnen vorgebeugt werden kann. Ihre Auswahl ist nicht vollständig, gleichwohl nicht zufällig.

Verengungen im Leistungsverständnis

Das verbreitetste Missverständnis liegt wohl darin, ausschließlich Bewegungsleistungen als Nachweis schulsportlichen Könnens zu akzeptieren. Dies kann Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und auch Eltern betreffen. Die motorische Dimension sportlicher Handlungen ist eben am offensichtlichsten und damit auch dominant im Erwartungshorizont aller Beteiligten. Eine solche Sichtweise ist allerdings von einer mehrfachen Einengung geleitet: Bereits die ausschließlich sportliche Leistung ist neben der motorischen auch durch emotionale und kognitive Dimensionen bestimmt. Erst recht muss darüber hinaus der schulische Anspruch, die Persönlichkeitsentwicklung aller Schülerinnen und Schüler zu fördern, geachtet werden, indem Leistungsvoraussetzungen, Einstellung zum Leisten und soziale Einbindung in die Einschätzung einer sportunterrichtlichen Handlung einfließen.

 

Mangelnde Durchschaubarkeit der Leistungsanforderungen

Häufig scheitert die Wirksamkeit pädagogisch gut begründeter schulsportlicher Leistungsanforderungen auch daran, dass eine Diskrepanz zwischen Lehrerintentionen und Schülererwartungen besteht. So kann es etwa geschehen, dass eine Lehrkraft eine bestimmte Dimension schulsportlichen Leistens - etwa die Einbindung individueller Fähigkeiten in einen sozialen Kontext - zum Schwerpunkt des Unterrichts macht, die betroffenen Schülerinnen und Schüler aber darum bemüht bleiben, ihre individuellen Stärken im Unterricht herauszustellen. Insbesondere dann, wenn die unterrichtlich intendierten Leistungsdimensionen den gewohnten Erwartungshorizont der Schülerinnen und Schüler überschreiten, kann nur dann ein pädagogischer Gewinn erwartet werden, wenn in einem Prozess der Verständigung Anforderungen und Erwartungen in Einklang gebracht werden und die unterrichtliche Akzentsetzung durchschaubar gemacht wird.

 

Greifbarkeit von Leistungsdimensionen und ihr Stellenwert  bei der Rückmeldung

Wenn bisher dafür plädiert wurde, schulsportliche Leistung mehrdimensional zu verstehen, so wurde noch nicht erwogen, in welcher Weise unterschiedliche Dimensionen des schulsportlichen Leistungsverständnisses greifbar und nachvollziehbar gemacht werden können. Von der Evidenz der motorischen Dimension war bereits die Rede. Aber wie steht es um andere Dimensionen? Kognitive Leistungsanteile lassen sich vermutlich noch am ehesten nachvollziehbar beschreiben. Hingegen sind die affektiv-sozialen Anteile im schulsportliche Handeln oft nur situationsbezogen greifbar, manchmal auch nicht von außen wahrnehmbar - sie bleiben aber dennoch existent. Gerade dann ist die Sensibilität und Empathie der Lehrkräfte gefragt, die durch Ermunterung oder Beschwichtigung, durch verständnisvolles Eingehen auf ihre Schülerinnen und Schüler solche weniger greifbare Dimensionen in das Bewusstsein rücken und ihren Stellenwert für die gelingende Bewältigung einer Anforderungssituation einsehbar machen können.

 

Diskrepanz zwischen unterrichtlicher Schwerpunktsetzung und Anerkennung von Leistungen

Das was schwerpunktmäßig im Unterricht bearbeitet worden ist, muss als Ergebnis zielgerichteter Lernprozesse auch seinen Stellenwert sowohl im Bewusstsein von Schülerinnen und Schülern als auch von Lehrkräften haben. Ob dies gelingt oder misslingt zeigt sich spätestens bei dem pädagogisch brisanten Problem der Leistungsbewertung. Die Feststellung, dass unter allen pädagogischen Perspektiven Lernerfolge erzielt und damit Leistungserfahrungen gemacht werden können, führt zwingend zu dem Schluss, dass solche Lernergebnisse auch in Leistungsbewertungen ihren Niederschlag finden müssen. Ihre jeweilige Gewichtung muss sich aus dem Stellenwert, den sie im Unterricht eingenommen haben, herleiten lassen.

 

Was nun? - Ein Ausblick

Ich habe mich bemüht, in einem kurzen Problemaufriss den Einstieg in einen Workshop zu geben, dessen Anliegen es ist, das pädagogische Potential von Leisten und Leistung im Sportunterricht nachhaltig und hoffentlich mit guten Ergebnissen auszuleuchten. Gerade daran, wie es gelingt, über Leistungserfahrungen im Sportunterricht sowohl zur Erschließung der Bewegungs-, Spiel- und Sportkultur als auch und besonders zur Entwicklungsförderung durch Bewegung, Spiel und Sport beizutragen, wird sich der Anspruch eines erziehenden Sportunterrichts messen lassen müssen. Die vorliegende Handreichung ist in der Absicht erarbeitet worden, hierzu einen Beitrag zu leisten. Es ist darüber hinaus zu hoffen, dass sie in der aktuellen schulpolitischen Diskussion um Bildungsstandards einerseits und um Wertorientierung andererseits Hilfe und Wegweisung sein kann, um pädagogisch verantwortbare Lösungen für den Schulsport zu finden und ein Abgleiten in vordergründige Normanforderungen zu vermeiden."