Schulsportentwicklung
Erste "Bewegungsbaustelle" eröffnet
Von Susanne Hehl
Startschuss für das neue Bewegungsprojekt in Nordrhein-Westfalen: In der Städtischen Katholischen Grundschule Overbeckstraße in Köln-Ehrenfeld eröffnete Ministerin Barbara Sommer am Mittwoch (08.08.2007) die erste der so genannten "Bewegungsbaustellen". Mit dieser Aktion sollen alle Grundschulen in Bochum, Bonn und Köln motiviert werden, sich um eine der insgesamt 30 Bewegungsbaustellen zu bewerben. Der Schulmilchproduzent Campina unterstützt das Projekt mit 50.000 Euro. Das Geld steht für die Anschaffung dieser Bewegungsbaustellen und für Fortbildungsmaßnahmen der Lehrkräfte zur Verfügung. "Der Begriff Bewegungsbaustelle passt unheimlich gut zu Schule", erklärte Ministerin Sommer. "Schule muss in Bewegung bleiben und Schule darf auch im positiven Sinne immer eine Baustelle bleiben. Wo Menschen sich begegnen, ist Bewegung. Also passt dieser Begriff."
Betreten der Baustelle für Kinder...erlaubt!
Zehn Schüler der Ehrenfelder Schule zeigten mit großer Begeisterung, was möglich ist mit den einfachen Materialien. Die Ministerin ließ es sich nicht nehmen, gemeinsam mit den Kindern die Bewegungsbaustelle zu erkunden und zu bearbeiten. Unter den staunenden Augen der Erwachsenen entstand binnen Minuten aus Holzkästen, Brettern und Balken eine kreative Bewegungslandschaft mit Höhlen, Brücken und Wippen. Diese Baustellen für Bewegung sollen neben den motorischen Fähigkeiten auch das soziale Miteinander, Kooperation und Kreativität fördern. "Die Holzbauteile wurden mit Absicht schwer gemacht", erklärt Stephan Riegger, Sportwissenschaftler und Erfinder der reduzierten und vereinfachten Bewegungsbaustelle. "Kinder sollen sich anstrengen bei ihrem Tun und ein Miteinander erleben, quasi im Team bauen." Hannah und Nora, beide neun Jahre alt, sind sich einig: Sie finden die Bewegungsbaustelle gut, weil man da so toll klettern kann. "Nur auf den runden Balken ist es schwer zu balancieren. Die Kisten sind besonders klasse, weil man reinkriechen und auch drüber laufen kann." "Hier kann man mit anderen spielen, sich verstecken und austoben", erklärt Selina, ebenfalls neun Jahre alt. "Man braucht meistens mehrere Kinder um die Bretter zu tragen. Allein macht das keinen Spaß", erzählt Sophia. "Einfach cool", findet Timo. Er telefoniert gerade über das gelbe Rohrtelefon mit der Ministerin.
"Der Raum für Lernerfahrungen ist dort am größten, wo die Vorgaben des Spielgeräts am kleinsten sind. Ein Brett, ein Reifen oder eine Kiste genügen, um tausend Ideen zu entwickeln", erklärt die begeisterte Ministerin. "Es macht einfach Spaß zu sehen, wie die Kinder ohne Anleitung der Erwachsenen die Materialien nehmen und einfach loslegen. Wenn man ein Medium hat, was angenommen wird ohne lange Erklärungen, dann ist das eine Supersache." Und damit trifft die Ministerin den Nagel auf den Kopf. Ihre Erinnerungen an unbeschwerte Kindheitstage beim Klettern auf Bäumen kann eine Bewegungsbaustelle zwar nicht ersetzen, aber dennoch haben die Kinder die Möglichkeit, sich ausgiebig in Gemeinschaft zu bewegen und auszutoben.
Auch im Ganztagsunterricht einsetzbar
Durch den Eintritt in die Schule wird der natürliche Bewegungsdrang der Kinder oft erheblich eingeschränkt. Langes Sitzen hindert die Kinder am Ausleben der Bewegung und dem kreativen Miteinander. Aber gerade regelmäßige Bewegung und körperliche Aktivitäten sind nötig, um motorische Fähigkeiten zu erlernen und die eigenen körperlichen Grenzen zu erfahren. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts sieht einen Zusammenhang des Bewegungsmangels in der Kindheit zum Übergewicht und den daraus resultierenden Erkrankungen im Erwachsenenalter. Auch die Zahl der übergewichtigen Schülerinnen und Schüler steigt. Daher sind Sport und Bewegung als Bestandteil in den Schulalltag zu integrieren. Mit den Bewegungsbaustellen ist genau das möglich. Die Leiterin der Kölner Grundschule, Elisabeth Koßmann, erläutert verschiedene Einsatzmöglichkeiten der Bewegungsbaustelle: "Zum einen sollen die Materialien am Nachmittag im Ganztagsbetrieb und während der Sportstunden eingesetzt werden. Weiter ist vorstellbar, dass auch zum Beispiel der Deutschunterricht in Verbindung mit Bewegung steht. Das Vokabular, das in der Baustelle genutzt wird, kann später in die Schreibhefte der Kinder übernommen werden. So entsteht ein ganz neuer Unterricht."
Idee aus den 80-iger Jahren
Die Idee ist genauso einfach wie genial und wurde im Ursprung in den 80er-Jahren von dem Sportwissenschaftler und Initiator Klaus Miedzinski erfunden. Verschiedene Holzbauelemente und Zusatzmaterialien wie Kästen, Bretter, Wippelemente, Balken und Rundhölzer bilden den Kern. Diese können mit Schläuchen, Rohren und Bällen kombiniert werden. Für die Kinder stehen zusätzlich Helme, Käppis und Handschuhe zur Verfügung. Die Bauelemente lassen vielfältige Variationen des Aufbaus, der Bewegung und des Spielens zu. Die Idee ist, dass auch Lehrer und Erzieher ohne Sportausbildung die Materialien einsetzen können. Eine kurze Einführung, die im Rahmen des Projektes angeboten wird, reicht aus, um die Bewegungsbaustelle effektiv mit Kindern zu nutzen. Die Bewegungsbaustelle ist nie zu Ende, die Kinder kreieren immer neue Kombinationen bei denen sie balancieren, rutschen können, und vieles mehr. Der Prozess des Bauens erweitert sich ständig und kann durch Alltagsmaterialien wie Zeitungen, Bierdeckel, Kugeln usw. ergänzt werden. Hier sind der Kreativität der Beteiligten keine Grenzen gesetzt. Die einzige sinnvolle Begrenzung ist die Teilnehmerzahl. Die sollte 15 Kinder nicht überschreiten, da sonst die individuelle Bewegung nicht mehr garantiert werden kann.
Wer kann sich bewerben?
Bewerben können sich grundsätzlich alle interessierten Grundschulen in den Städten Köln, Bonn und Bochum. Wichtige Entscheidungskriterien sind das soziale Umfeld der Schule sowie die konzeptionellen Überlegungen der Lehrerinnen und Lehrer zur Umsetzung und Nutzung einer Bewegungsbaustelle. Die Bewerbung kann von Elterninitiativen, Lehrkräften und auch von Kindern unterstützt werden. Eine unabhängige Jury aus Vertretern des Schulministeriums, des Deutschen Kinderhilfswerks und Campina wählen im Oktober die besten Bewerbungen aus und vergeben die Zusagen bzw. Gelder für die Bewegungsbaustellen. Das Bewerbungsformular zum Download, sowie weitere Informationen zum Pilotprojekt in NRW finden Sie im Internet auf der Homepage von Campina. Das Formular kann entweder online ausgefüllt und zurück gemailt, oder per Post an Campina Milchprodukte, Kennwort: Bewegungsbaustellen, Geldernerstraße 46, 50739 Köln geschickt werden. Einsendeschluss ist der 30. September 2007.




